Cabo Verde

Transatlantik 1: Cabo Verde – no Stress!

Teneriffa, 2018, ein wunderschöner, frischer Februartag. Frühmorgens starten wir vom Aeropuerto TF Norte, Zwischenlandung Gran Canaria, dann rollt Flug NT 6800 zur Startbahn, und bald schwingt sich der kleine Bombardier-Jet von Bintercanarias hinauf in den fast wolkenlos blauen Himmel mit Kurs Südwest, hinaus über den weiten Atlantik.

Auf unserer Radtour von daheim nach Teneriffa hatten wir ja wie erwähnt so eher beiläufig gemerkt, dass wir hier auf einer historischen Fernroute unterwegs sind. So zogen einst die Conquistadores und Entdecker in die Neue Welt, später war das die Route der Zeppeline – Grund genug für uns als alte Amerika-Fans, den roten Faden weiter zu spinnen: unser Ziel sind jetzt die Kapverden. Kolumbus war auf dieser entlegenen Inselgruppe zwar erst bei seiner dritten Tour anno 1498, die Magellan-Crew kam bei ihrer weltersten Erdumseglung nur auf dem Rückweg hier vorbei und der Zeppelin landete auf seinen Südamerika-Fahrten hier sogar niemals (doch er wollte halt wie Zugvögel immer möglichst in Landnähe dahin ziehen) – trotzdem, Cabo Verde, wie dieser noch junge Staat sich offiziell nennt, ist eine logische Landmarke auf dem Weg nach Brasilien, und unsere Neugier ist geweckt. Jetzt geht die Reise weiter, auch wenn wir bis vor Kurzem noch nicht einmal wussten, wie man Cabo Verde überhaupt schreibt:-). Und irgendwann kommen wir hoffentlich doch noch bis nach Rio.

Cabo Verde – der Reiseführer weiß mehr: 15 Inseln vulkanischen Ursprungs, davon 9 bewohnt, 570 Kilometer draußen vor der Küste Senegals im Zentralatlantik, einst portugiesische Kolonie und bis 1458 gänzlich unbewohnt. Sehr trocken, nur 100 bis 200 mm Niederschlag im Jahr, kaum Landwirtschaft – doch mit Wassertemperaturen von 22 bis 27°C mittlerweile vom Strand- und Pauschaltourismus entdeckt. Junge Republik dank Nationalheld Amílcar Cabral (seit 1975), etwa 600.000 Einwohner.

Draußen ziehen plötzlich dichte Wolken auf. Turbulenzen beim Anflug, Regentropfen peitschen gegen das Kabinenfenster, unter uns gleitet ein riesiger, nur mit spärlichem Gestrüpp bewachsener Sandhaufen vorbei. Willkommen auf Sal, Cabo Verdes Haupt-Touri-Destination. Beim ersten Regen, den sie hier seit über einem Jahr hatten – absolut deprimierend anzuschauen, so unser erster kapverdischer Eindruck.


Doch zum Glück haben wir einen Weiterflug nach São Vicente gebucht. Mindelo ist die Hauptstadt dieser Insel und schon gleich viel besser, eine kleine Metropole mit noch etlichen hübsch restaurierten Häusern aus der Kolonialzeit und einem gewissen afrikanischen Flair. Die Stadt gruppiert sich um den bis heute wichtigsten Hafen der Kapverden, wo ab 1850 die Transatlantik-Dampfer gewöhnlich neue Kohle bunkerten. Diese wurde aus Cardiff herbeigeschafft, ein gutes Geschäft – historische Handelshäuser säumen heute noch die Uferpromenade, dazu ein kleinerer Nachbau von Lissabons Torre de Belém sowie ein lebhafter Fisch- und Gemüsemarkt.


Auffällig sind die Menschen hier, die trotz oft offensichtlicher Armut eine fröhlich-freundliche Ausstrahlung haben und uns stark an Cuba, Brasilien, aber auch an New Orleans erinnern. Das ist genau der Menschenschlag, den sie weltweit Kreolen oder Mulatos nennen, eine vielfältige Mischung aus Afrikanern und Europäern aller Länder. Kein Wunder, denn schon bald nach ihrer ersten Besiedlung wurden die Kapverden zum wichtigsten Drehkreuz im Sklavenhandel zwischen Afrika, der Alten und der Neuen Welt. Dabei haben sich die unterschiedlichsten Europäer mit den schwarzen Sklaven vermischt.

Später wanderten viele Kapverdianer aus, von der Armut aus der Heimat vertrieben. Porto Alegre in Brasilien etwa ist so ein "Auffangort" (dort waren wir schon, hat eine ganz ähnliche Atmosphäre) oder Rotterdam, wo es heute noch ein Viertel gibt, in dem hauptsächlich Crioulo gesprochen wird. Und wir sehen gleich: Auf unserer Transatlantik-Tour sind wir hier absolut richtig, ein emotionales Drehkreuz auch für uns. Denn das ist jetzt praktisch der Knoten, der unsere vielen Reiseerinnerungen beidseits des Atlantiks miteinander verknüpft:-)


Wie alle Kulturen, denen eine recht schmerzhafte Geschichte zueigen ist, haben die Kreolen natürlich auch eine großartige Musik. Sodade, ein Ausdruck für Weltschmerz, inspiriert durch den portugiesischen Fado und afrikanische Elemente, klingt aus vielen Liedern, doch auch Merengue, Salsa, Mambo etc. haben kreolische Wurzeln. Selbst der Jazz blieb nicht unbeeinflusst – Ende des 19. Jahrhunderts trafen sich die ersten Jazzer in New Orleans auf dem so genannten Congo Square zur Jam Session, und Namen wie King Oliver's Creole Jazzband sind jedem Jazzfan ein Begriff. In Mindelo findet man bis heute in manchen Gassen noch kleine Musikinstrumente-Werkstätten, wo mit einfachen Mitteln und hoher Handwerkskunst Gitarren, Banjos, Ukuleles usw. hergestellt oder repariert werden – Besucher gerne willkommen (mit Vorführung gegen eine kleine Spende:-). Und am Abend gehen wir zum Essen ins Le Gou, gleich an der Hafenfront. Chicken Creole mit kreolischer Livemusik, das hat schon was.

Schade nur: Mit dem Schiff kommt man heute nur noch schwer auf die Kapverden; Transatlantik-Passagierverkehr gibt es längst nicht mehr, es sei denn im Rahmen einer Kreuzfahrt. Der Flieger hat das alles verdrängt, und Binter hat heute selbst den Verkehr zwischen den einzelnen Inseln im Griff. Nur noch wenige Fähren verkehren hier, teils mit recht unregelmäßigem Fahrplan (mehr dazu hier) – deshalb ist Cabo Verde leider auch nur sehr eingeschränkt als Radler-Ziel zu empfehlen. Schweren Herzens haben wir also diesmal unsere geliebten Drahtesel daheim gelassen; Wanderurlaub ist angesagt. Am nächsten Morgen begeben wir uns deshalb zu Fuß mit Sack und Pack an Bord der Fähre Mar d'Canal, hinüber nach Santo Antão.

Die Mar d'Canal ist ein fast 50 Jahre alter Armas-Dampfer, der vorher lange auf den Kanaren eingesetzt und dort dann ausgemustert wurde. Frisch gestrichen und immer noch unter Armas-Flagge schaukelt er jetzt hier durch sein drittes Leben und ist dafür bekannt, dass er immer pünktlich ablegt und zuverlässig seinen Dienst versieht. So schippern wir unter kräftigem Bollern des alten Diesels in einer knappen Stunde hinüber zur Nachbarinsel, deren zackige Silhouette schon aus der Ferne auszumachen ist. Wolken krönen ihre höchsten Gipfel, die fast die 2000-Meter-Marke knacken. Santo Antão gilt als grünste aller kapverdischen Inseln, denn das Gebirge kämmt den Regen aus den Passatwolken, ähnlich wie man das von Teneriffa und Gran Canaria kennt. Also so ganz anders als das wüstenhafte Sal, dabei schroff und verkehrsfeindlich – und die Lieblingsinsel aller Wanderer. Hier haben wir (entgegen unserer sonstigen Gewohnheiten) ein kleines privates Tourprogramm gebucht. Jetzt sind wir mal gespannt.

Porto Novo, der neue Hafen, ist eine aufstrebende Kleinstadt an der trockenen und landwirtschaftlich kaum nutzbaren Südwestseite der Insel. Hier warten schon zahlreiche Aluguers, wie die Sammeltaxis hier genannt werden – und unser Fahrer Mario mit seinem kräftigen, wenngleich in die Jahre gekommenen Landcruiser sowie Hetty, unser Guide. Ein absoluter Glücksgriff, wie wir bald merken – die Frau ist in Holland geboren, hat aber eine Mutter aus Santo Antão und lebt schon sehr lange wieder hier. Sie kennt die Insel bis ins letzte Seitental und hat eine Unmenge interessante Infos und Anekdoten in petto. Jetzt geht es gleich ins Inselinnere, und bald schraubt sich der alte Toyota auf der heute schon fast legendären Estrada da Corda in die Bergwelt hinein.

Früher war Ribeira Grande auf der anderen (fruchtbaren) Inselseite der wichtigste Ort auf Santo Antão. Hier war damals auch der wichtigste Hafen, doch konnte der wegen Stürmen und Wellengang oft wochenlang nicht angelaufen werden. Und weil Porto Novo praktischerweise gleich gegenüber von Mindelo liegt, entwickelte sich hier der neue Haupt-Anlaufpunkt – erst recht, als dann auch noch der seit jeher viel zu kleine Flugplatz in Ponta do Sol nach einem schweren Flugzeugunglück 1999 geschlossen werden musste. Die Fährverbindung ist also Santo Antãos Lebensader. Nur, wie auf die andere Seite gelangen auf einer unwegsamen Insel, die hauptsächlich von Maultierpfaden erschlossen ist?

So schlug in den 50er-Jahren, damals noch unter dem portugiesischen Diktator Salazar, die Geburtsstunde der Estrada da Corda. Eine Passstraße, die auf kürzester Distanz gut 1000 Höhenmeter überwinden musste – 23 Jahre dauerte ihr Bau, davon 13 Jahre für die Trassierung und 10 Jahre (!) für die Pflasterung. Ein unendlicher Aufwand also, fast ohne Maschinen, dafür aber mit viel Manpower – noch heute existiert das ursprüngliche Straßenpflaster, bestehend aus harten Basaltsteinen von rund über spitz bis eckig. Dazu Steigungen von teilweise über 18% – kein Wunder, dass Santo Antão nicht uneingeschränkt als Radler-Ziel empfohlen wird:-) Würde uns echt interessieren, ob das schon jemals einer gepackt hat.

Bald bleibt die spärliche Vegetation des Insel-Südens zurück und wir kommen in die Wolkendecke. Fruchtbare Mini-Felder sind jetzt ringsum auszumachen, Ziegen, ein paar Kühe. Und plötzlich reißen die Wolken auf und geben wie ein Fenster den Blick frei auf die kleine, kreisrunde Caldera der Cova de Paúl, einen tiefliegenden Kessel, in dem intensiv Landwirtschaft betrieben wird. Hetty meint, wir hätten großes Glück – die allermeisten Touristen stehen hier gewöhnlich vor einer undurchdringlichen grauen Suppe.

Auch oben verläuft die tolle alte Pflasterstraße in stetem Auf und Ab, Kurve an Kurve, durch winzige Dörfer. Der dramatischste Abschnitt nennt sich Delgadim – hier ist die Fahrbahn mit schier unglaublichen Stützmauern auf einen schmalen Grad zwischen zwei Felsen trassiert; links wie rechts tun sich 400 Meter tiefe Abgründe auf. Fast bleibt einem die Luft weg, wenn man hier aussteigt. Dann senkt sich die Straße in großartigen Serpentinen hinab zwischen terrassierten Feldern, die oft kaum größer als ein Handtuch sind. Jeder Quadratmeter fruchtbaren Erdbodens wird hier genutzt – das alles gefällt uns sehr. Auch, dass die Menschen hier alle Mühen auf sich nehmen und einen gewissen Stolz auf ihre Heimat haben.


Hetty, unsere Führerin, ist gut drauf, alles was recht ist. So bemüht sie sich nach Kräften, die nicht gerade auf Rosen gebettete Bevölkerung zu unterstützen und führt uns zum Mittagessen anstatt in ein Touri-Restaurant über einen steilen Fußweg im Figueira-Tal hinauf zu Milli, die mittlerweile mitsamt ihrer Familie davon leben kann, dass sie für Hettys Wanderer kocht. Milli serviert uns auf der Terrasse ihres kleinen Häuschens ein erstklassiges Essen: Thunfisch mit Linsen und Koriander, ein Soufflé aus Brotfrucht, Kürbis und Karotten, dazu gibt es erstklassiges kapverdisches Bier (Strela Kriola). Und zum Nachtisch selbstgemachten Ziegenkäse aus dem Dorf mit Quitten- und Guavenmarmelade. Wir sind begeistert!


Nach dem Essen wandern wir auf steilen Pflasterwegen hinab nach Coculi, das an der Straße liegt und als kleines Zentrum für die umgebenden Mini-Dörfer fungiert. Auf den Pflanzterrassen wachsen Bananen, Mangos, Guaven, Mandelbäume, Avocados, Maniok; in den Bachbetten gedeihen die durstigen Yams-Wurzeln, und wohin das Auge blickt: Zuckerrohr. Daraus machen sie hier schon seit dem 18. Jahrhundert Grogue, Grog – das, was in anderen Ländern Aguardiente heißt, eine Vorstufe von Rum. Hetty führt uns in so einen Kleinbetrieb, wo das Zuckerrohr durch aberwitzige Pressen ohne jede Schutzvorrichtung in Akkordarbeit zerquetscht, der Saft dann zum Fermentieren fünf Tage in Holzfässern gelagert und anschließend gebrannt wird. Cabo Verdes Nationalgetränk – mehr dazu hier.

Grogue, Grog – der Name soll laut Hettys Anekdoten auf einen Lord Grogham zurückzuführen sein, der auf einer seiner Seefahrten Rum aus der Neuen Welt mitbrachte. Den hatte er in Cuba erworben, um Handel damit zu treiben, aber auch, um die Wasserfässer auf seinem Schiff zu desinfizieren. Täglich schüttete er also ein Glas hinein – doch bei einem schweren Sturm rutschte ihm die Flasche aus, und hinterher war die ganze Mannschaft groggy. Ob's stimmt? Den Kapverdianern gefiel das jedenfalls, und seither heißt der Schnaps dort Grogue.

Den Portugiesen allerdings gefiel das gar nicht, denn sie setzten in ihren Kolonien auf Nutzpflanzen, die in ihrer Heimat nicht wachsen – ein hoher Speisezucker-Ertrag wäre ihnen wesentlich wichtiger gewesen. So wurde die Grogue-Produktion alsbald mit hohen Strafen belegt; das trieb die Grogue-Brenner in die Illegalität. Doch die Belieferung sämtlicher kapverdischen Inseln war stets gesichert – dank Leuten wie Hettys Oma, die nachts mit einer 20-Liter-Grogue-Gallone auf dem Kopf bis Carvoeiros wanderte, dem Vorgänger-Ort von Porto Novo. Zur Tarnung war die Lieferung noch mit einem Büschel Bananen umhüllt – also rund 30 Kilo Kopflast auf einer mehrtägigen Wanderung. Dabei rauchte sie gemütlich ihre Pfeife und entging fast allen Kontrollen, saß aber auch mal für mehrere Monate im alten Fort in Mindelo ein. "Trotzdem wurde sie 92 Jahre alt," meint Hetty grinsend, "und starb nach einem erfüllten Leben friedlich im Bett." Tja, starke Frauen – über mehrere Generationen.


In Coculi wartet schon Marios Auto und bringt uns zu unserem Quartier in Ponta do Sol. Hier beziehen wir für die nächsten zwei Nächte ein hübsches Zimmer im Hostal Musica do Mar und beschließen die heutige Tour mit einem Spaziergang zum kleinen Fischerhafen. Dort werden gerade mit winzigen Booten die Thunfische angelandet, gleich filetiert und an die schon bereitstehenden Kunden verkauft. Und mitten drin – Hetty! Sie kauft gleich 30 Kilo, denn sie hat nebenbei noch ein kleines Restaurant in Paúl.


Ein inspirierender Tag war das heute, unbedingt! Und in der relaxten, schon ein wenig karibisch angehauchten Atmosphäre von Ponta do Sol kann man wunderbar mit der Seele baumeln. An der Bar Caleta steht an der Hauswand angeschrieben: "Sorry – kein WiFI. Redet miteinander, und werdet besoffen." Uiuiui! Cabo Verde – no Stress. Das liest man auch auf vielen T-Shirts, in den Reiseprospekten, und so wird im ganzen Land gelebt, trotz Armut und vielen Schwierigkeiten. Mit gewissen Abstrichen: Recht so:-)


Am nächsten Tag führt uns eine 18-km-Wanderung entlang der bizarren Nordküste in stetem Auf und Ab nach Cruzinha da Garça. Wieder geht es über alte Pflasterwege, die kunstfertig in die Wand gemauert sind und heute noch als einzige Verkehrsadern für die Bevölkerung in den Dörfern dienen. Für Maultiere gangbar, gerade so, doch noch nicht einmal per Moped könnten diese Siedlungen erreicht werden. Trotzdem leben immer noch Menschen hier, bebauen ihre schmalen Terrassen, dieweil es weder ein Handy-Signal gibt noch Fernsehempfang – als einzige Vergnügungen bleiben der Schwatz mit den Nachbarn auf dem kleinen Dorfplatz oder das Bierchen und ein Grogue in der Dorfbar.


Heute begleitet uns Fredson, auch so ein genialer einheimischer Guide. Der hätte einst gerne in Mindelo Jura studiert, doch sein Vater verlor seinen Job, und damit platzte die Finanzierung. Deshalb machte Fredson eine Fremdenführer-Ausbildung – per Nachtschicht, weil er tagsüber das Geld für seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Die einheimischen Guides auf den Kapverden sind erstklassig ausgebildet, das muss man immer wieder sagen – alle Achtung! Unseren Entschluss für diesen geführten Wander-Aufenthalt bereuen wir nicht, das ist schon mal sicher, schon wegen der vielen Background-Infos. Außerdem ist diese Art von sanftem Tourismus quasi überlebenswichtig für Cabo Verde – bevor die internationalen Touri-Konzerne vollends den Kuchen unter sich aufteilen. So liegt es uns am Herzen zu erwähnen: Wir waren sehr zufrieden mit unseren Arrangements von www.reisenmitsinnen.de und www.vista-verde.com.

Ein weiterer interessanter Tag also auf Santo Antão. Dann steht wieder Hetty auf der Matte und geleitet uns durch das Vale do Paúl, das fruchtbarste Tal der Insel. Es regnet heute zeitweilig wie mit Kübeln, obwohl die Regenzeit eigentlich im August wäre. Pech für uns, doch die Einheimischen sind happy – vorher war der Regen ein ganzes Jahr lang ausgeblieben. Die Wanderung wird also verkürzt; wir kehren ein auf einen köstlichen Kaffee (selbst geröstet, die Bohnen im Mörser gemahlen!) bei einer weiteren von Hettys Freundinnen, die mit Mann und zwei Kindern in einer winzigen 8 m²-Hütte lebt.

Dann weiter zu unserem nächsten Quartier: Aldeia Manga, eine Öko-Lodge hoch droben in den Bergen, nur per Fußmarsch zu erreichen. Ein weiterer Traum dieser tollen Insel – ein paar Bilder sagen mehr. Besonders hervorzuheben ist der geniale Salat dort, absolut ohne Reue (in Form von Montezumas Rache:-). Das ist in Afrika nicht selbstverständlich.


Schon (und eigentlich viel zu schnell) sind unsere paar Tage auf Santo Antão um; jetzt soll es zurück zur Fähre nach Mindelo gehen und von dort mit dem Flieger nach Sal. Der Kleinbus zur Fähre ist bestellt und schon auf dem Weg – 1 km entfernt von und 100 m höher als unsere Lodge ist der nächste anfahrbare Punkt, ein nach dem Regen ziemlich schlammiger Erdweg. Dann ein Anruf: Der Bus packt es nicht; er seift immer wieder ab – ein Geländewagen muss angefordert werden. Die Uhr tickt und tickt, die Fährabfahrt rückt näher, die Nerven liegen blank. Fast eine Stunde nach der festgelegten Zeit erscheint dann Marios ausgeleierter Landcruiser, diesmal mit einem fröhlich grinsenden Rasta-Typ am Steuer. "Hey man, no worries! Wir schaffen das!" (das haben wir doch schon mal wo gehört:-) Aber wir schaffen es wirklich, denn wir fetzen zügig durch die Kurven der neuen Küstenstraße, die (als moderner Ersatz für die Estrada da Corda gedacht) sogar einen Tunnel und ein paar Kilometer Asphalt aufweisen kann. Am Fährterminal zischt der Fahrer dann gleich zur Zufahrt für den Cargo-Verkehr und hupt den Pförtner aus seiner Hütte: "Hey man, der Typ hier (also ich:-) hat's im Kreuz, er kann seinen Koffer nicht selber stemmen und ich muss ihn gleich aufs Schiff bringen!" Die Schranke hebt sich, und wir werden mit quietschenden Reifen direkt an der Ladeklappe der Mar d´Canal abgesetzt. Wie heißt es doch so schön: Cabo Verde – no Stress! Ein genialer Werbespruch für dieses sympathische Land. Alles klappt hier, auf seine eigene Weise. Wir haben begriffen:-)

Dann wieder Fähre, Flieger – zweiter Anflug auf Sal, diesmal bei schönstem Wetter. Von oben betrachtet ist das immer noch derselbe Sandhaufen wie schon bei unserer ersten Ankunft, müssen wir denken. Fast bereuen wir nach dem inspirierenden Aufenthalt auf Santo Antão, dass wir auf Sal zwei Relax-Tage gebucht haben. Ein x-beliebiges Pauschalziel für Sonnenanbeter und Wassersportler – so steht es sogar im Reiseführer. Dabei hätte die Stadt Santa Maria, wo wir für drei Nächte ein kleines Apartment beziehen, einst ein winziges Dorf der Fischer und Salinenarbeiter, noch vor 20 Jahren kein einziges Reisebüro auf dem Schirm gehabt.

Doch solche Pauschalurteile sind natürlich wie immer zu kurz gesprungen. Die Stadt mit ihrer nichtssagenden Bebauung (abgesehen von der alten Casa de Balança am Pier) hat man zwar schnell gesehen, aber auf einer Rundtour über die Insel, die mit Sal(z) sogar nach ihrem wichtigsten Exportgut und früher einzigen Wirtschaftsfaktor benannt wurde, erfährt man doch einiges Interessante über die Salzproduktion und ihre Geschichte.

So besteigen wir am nächsten Morgen zusammen mit sechs fröhlichen Holländern einen Toyota-Pickup – in Afrika das absolut übliche Transportmittel für kleinere Personengruppen. Dann geht es, mit dem Fahrer Jimmy am Steuer, zunächst über löchrigen Asphalt und dann über eine sandige Waschbrett-Piste durch die Shanty Towns am Stadtrand in die Wüste hinaus.

Nur einen guten Kilometer vor der Stadt treffen wir schon auf die ersten Salzpfannen, flache Senken im Wüstenboden, in die früher Meerwasser gepumpt wurde. Dann tut die Verdunstung ihr Übriges, beschleunigt durch Sonnenhitze und den Wind – nach mehrmaligem Wenden, Umschichten und Zerkleinern bleibt dann feinstes Meersalz zurück. Das war vor allem im 19. Jahrhundert ein wahrer Exportschlager und ging hauptsächlich nach Südamerika (Brasilien), wo es für die Haltbarmachung von Fleisch gebraucht wurde. Eine windbetriebene Lorenbahn (mit Segeln) brachte das Salz zum Pier, wo es in Frachtschiffe verladen wurde.

Erst die immer fortschrittlichere Kühltechnik machte dem Salzabbau ein Ende – trotz industrieller Fertigung wurde das Sal-Salz irgendwann unrentabel, und 1984 schloss der letzte Betrieb. Heute machen nur ein paar wenige arme Schlucker weiter mit der Salzgewinnung hier; ein kaum rentabler Knochenjob für den örtlichen Bedarf und für die Touristen. Die verbliebenen Salzflächen, auf denen das einstmalige Weiße Gold aufgehäufelt liegt, erinnern uns stark an den Salar de Uyuni in Bolivien, wenn auch in wesentlich kleinerem Umfang. Man kann darauf umher gehen; das knirscht dann, fast wie Schnee.

Die interessantesten Salinen jedoch sind draußen in Pedra de Lume zu besichtigen, nahe der (durchaus hübschen) kleinen Insel-Hauptstadt Espargos, gut 30 km von Santa Maria entfernt. Die sind weltweit einmalig, denn sie befinden sich in einem kreisrunden ehemaligen Vulkankrater, dessen Boden unterhalb des Meeresspiegels liegt. Das Meerwasser dringt (ohne Hilfe durch Pumpen) durch das poröse Gestein in die Salzpfannen vor, wo es dann nach derselben Methode gewonnen wird wie schon oben beschrieben. Je nach Wasserstand kann man in der Salzlake baden, die tragfähig ist wie das Tote Meer und auch für Thalasso-Anwendungen, Peeling etc. Verwendung findet.

Erschlossen wurden die Salinen 1804 von einem gewissen Manuel António Martíns, der einen Tunnel in den Kraterrand bohren ließ, um besser an das Salz zu gelangen. 1919 erwarb dann die französische Firma Les Salins du Cap Vert die Salzpfannen und installierte eine 1100 Meter lange Seilbahn, die 25 Tonnen Salz pro Stunde zum nahe Hafen transportieren konnte. Mit eisernen Segelbarken wurde die Ware dann zu den Frachtern hinausgebracht, die schon reihenweise auf Reede lagen.


Das Business beschäftigte in seiner Blütezeit mehrere Hundert Arbeiter – heute ist der Ort mit seinen Seilbahn-Relikten, abgewrackten Lagerhallen und durchgerosteten Schiffsruinen eine filmreife Geisterstadt. Leicht schaudernd erwartet man fast, dass gleich Charles Bronson mit der Mundharmonika um die Ecke käme – das "Lied vom Tod".

Staubig, durchgerüttelt und vom Wind verblasen bringt uns der PickUp zu unserem Quartier zurück – und vorbei an einem Laden mit doch ganz passabel aussehenden Mieträdern. Halt, Stop! Ha, gleich gebucht, für morgen:-) Endlich können wir mal wieder in die Pedale treten.

Die Pferdchen sind zwar Décathlons billigste Qualität, doch wenigstens ordentlich gewartet, und die Vermieter sind freundlich. Wir sind's zufrieden, denn das übrige Zweirad-Angebot in Santa Maria beschränkt sich definitiv auf Beachcruiser, Fatbikes und ätzende Elektroräder namens "Monster Bike". Und so kommen wir an unserem allerletzten Kapverden-Tag doch noch zu einem kleinen, durchaus netten Rad-Erlebnis.

Wir radeln nochmal die 20 km hinaus nach Espargos, kämpfen uns durch den Wind, Einkehrschwung, dann mit vollen Segeln zurück. Ach ja, sonst hätte uns doch wirklich etwas gefehlt. Und dass wir an den zwei Tagen im weltbekannten Bade- und Surfer-Paradies Sal weder ein einziges Mal im Wasser waren noch in einem Liegestuhl relaxt haben, das macht uns ehrlich gesagt jetzt überhaupt nichts aus:-)


Hoch zufrieden steigen wir am nächsten Tag in den Flieger, zurück nach Gran Canaria und Teneriffa. Cabo Verde – unglaublich, was für interessante Weltgegenden man so en passant mitkriegt, wenn man eigentlich nur, so quasi als Bodenpersonal, die alte Route der Conquistadores und der Zeppeline nachvollziehen will. Irgendwann kommen wir hierher mit Sicherheit zurück, zumal wir bislang nur drei der neun bewohnten kapverdischen Inseln kennengelernt haben. Auf Fogo soll es einen noch aktiven Vulkan geben, der erst 2014 seinen letzten Ausbruch hatte, auf Boa Vista kann man Schildkröten beobachten, Brava gilt als Blumeninsel. Doch jetzt lockt erst mal Brasilien. Dort soll in Recife noch der letzte erhaltene Zeppelin-Ankermast stehen, und dann mit dem Rad die Küste hinab nach Rio. Also: Hasta la Vista – Fortsetzung folgt:-)

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