www.bikeamerica.de - Reisebericht über unsere Panamericana-Tour 11

Dünne Luft im Altiplano

von Cuzco nach Nordchile

"Am liebsten", seufzt der nette Receptionista unseres Hotels in Cuzco, "würde ich jetzt mit euch fahren!" Eine Radtour nach Feuerland, so hat er uns erzählt, ist schon immer sein Traum. Tja, wie Träume doch differieren können - wir würden jetzt am liebsten noch eine Weile hier bleiben, denn es regnet schon seit gestern Bindfäden, und das mitten in der Trockenzeit. Der Junge schaut noch lange hinter uns her, als wir über das seifige Kopfsteinpflaster in Richtung Avenida de la Cultura schlittern, unsere Leitlinie zur Carretera Peru 3 S, die uns noch bis zum Titicacasee und zur bolivianischen Grenze begleiten wird.

Parallel zur Bahnlinie Cuzco-Juliaca-Arica finden wir gut aus der Stadt hinaus; die Straße fällt und fällt zunächst, obwohl sie doch auf den nächsten 200 Kilometern die kontinentale Wasserscheide überqueren muss. Dafür hört glücklicherweise bald der Regen auf, wir sind es zufrieden, haben schnell unseren gewohnten Rhythmus gefunden, und jetzt sind auch wir wieder froh, on the road zu sein.

Wie schon kürzlich auf unserer kleinen Radtour nach Pisac sind wir schon bald wieder im Valle Sagrado, dem heiligen Tal der Inkas, wenngleich auch weiter südlich, und folgen dem Lauf des Rio Vilcanota flussaufwärts. Der fruchtbare Boden und das milde Klima machten das heilige Tal für die Inkas so wichtig; Pflanzterrassen ziehen sich die Hänge hinauf, früher war hier jeder Quadratmeter landwirtschaftlich genutzt. Entsprechend dicht ist zunächst die Besiedlung; man sieht viele Indigeñas auf den Feldern arbeiten. Umso erstaunlicher, was für einen weltvergessenen Eindruck das Valle Sagrado schon 30 Kilometer hinter Cuzco erweckt: Erst seit fünf, sechs Jahren ist die Fernstraße Cuzco-Puno vollständig asphaltiert, vorher war sie eine üble Piste, Durchgangsverkehr praktisch Null, und in einem noch gar nicht so alten Reisebericht haben wir gelesen: "Die Straße von Cuzco nach Puno ist so schlecht, dass selbst Busreisende gerne auf die Bahn umsteigen". Auch Tourismus gab es hier absolut keinen, abgesehen von den Bahnreisenden, die auf dem Weg von einem Highlight zum anderen das Mittelalter am geöffneten Fenster quasi wie in einem Kulturfilm vorüberziehen lassen konnten.

Andahuaylillas

Dabei gibt es hier Juwelen, die kein Pauschaltourist jemals zu Gesicht bekommt. Andahuaylillas beispielsweise, nur 40 Kilometer von Cuzco entfernt, besitzt eine äußerlich völlig unscheinbare Lehmziegelkirche, die wir erst nach mehrfachem Fragen bei der ortsansässigen Bevölkerung überhaupt finden. Dazu schieben wir unsere Räder kreuz und quer durch das ganze Dorf, über mit Bachkieseln gepflasterte Gassen, durch Schlammlöcher und vorbei an sich suhlenden Schweinen, bis wir die Plaza de Armas erreichen. Und da steht sie, die Kirche "San Pedro Apostol", erbaut Ende des 16. Jahrhunderts durch die Jesuiten. Am Eingang sitzt ein alter Mann, kassiert einen geringen Eintrittspreis und passt auf, dass keine Hühner und Hunde in die Kirche laufen. Innen bleibt uns fast die Spucke weg: Vergoldete Schnitzereien, wertvolle Bilder, prunkvoller Hochaltar, Deckenfresken - nicht umsonst wird diese Kirche als "Sixtinische Kapelle der Anden" bezeichnet. Die Malereien stammen von Luis de Riano, einige werden gar Murillo zugeschrieben. Heute müssen die Wände und die Empore teilweise abgestützt werden. Man könnte meinen, wenn sie die Kirchenglocken läuten, fällt alles in sich zusammen.

San Pedro Apostol

Vor Urcos, wo wir für umgerechnet 4 US$ eine rustikale und recht fröstelige Nachtruhe genießen, passieren wir eine teilweise verlandete Lagune, in der laut Legende die tonnenschwere Goldkette versenkt wurde, die zu Zeiten der Inkas die Plaza in Cuzco umspannte. Dann wird es anstrengend, bei allerdings grandioser Landschaft: Die Straße ist teilweise regelrecht in die Felshänge gesprengt und führt ständig auf und ab. Wahrscheinlich wollte man nichts vom wertvollen Ackerland verschenken, das sich, oft hundert Meter unter uns entlangkeuchenden Radlern, breit und fett entlang dem Rio Vilcanota erstreckt. Abends in Sicuani jedenfalls sind wir nach 100 Tageskilometern mal wieder völlig platt, obwohl wir kaum an Höhe gewonnen haben. Da leisten wir uns für den Weg in die Pizzeria ein Motorradtaxi für 1/2 Sol - doch nachdem der 125-ccm-Motor mit uns beiden fast die steile Auffahrt zur Eisenbahnbrücke nicht schafft und der Fahrer seine Kutsche in Schlangenlinien hinaufschrauben muss, gehen wir nach kräftigem Essen den Rückweg doch besser zu Fuß an.

Auch die nächste Etappe wird hart: Knapp 110 Kilometer bis Ayaviri, dazu der Pass Abra la Raya. Wir verlassen Sicuani auf guter Straße, anfangs sogar mit Rückenwind. Parallel zur Bahnlinie steigt die Straße an, bald bleibt die Ackerbauzone hinter uns und wir kommen in weite Weidegebiete, auch die Besiedlung wird bald recht spärlich. Die älteren Bewohner der wenigen Dörfer scheinen sich vor den Touristen regelrecht zu fürchten. Zwar schreien die Kinder wie immer "Hola, Gringo!", aber die Ladenbesitzerin in Ocobamba versteckt sich fast hinter der Theke ob unserem ungewohnten Anblick, und so muss die Tochter zwei staubige Flaschen Cola unter ein paar Säcken hervorkramen. Dann weiter, bei zum Glück mäßiger Steigung, vorbei am urwüchsigen Thermalbad Aguas Calientes und am Lama-Zuchtinstitut der Universität Cuzco. Der Bewuchs reduziert sich auf spärliches Ichu-Gras, auf den umgebenden Bergen liegt teilweise Schnee, und kurz vor Mittag sind wir oben: Abra La Raya, 4338 metros sobra el nivel del mar. Das ist bislang (und wohl für alle Zeiten) unser höchster jemals mit dem Fahrrad erreichter Geländepunkt. Wir feiern das mit einem guten Mittagessen in Form von selbstgemachtem Thunfisch-Tomaten-Salat auf dem Betonsockel des (unglaublicherweise hier sogar vorhandenen) Passschilds.

Der höchste Fahrradpunkt unseres Lebens!

Die südliche Passrampe des Abra La Raya ist nur recht kurz, denn ab hier erstreckt sich auf rund 3900 Metern Höhe bis weit nach Bolivien hinein der berühmte Altiplano. Alti ist er, nämlich hoch, und plano, flach, dazu fast immer kalt und windig. Selbst bei Sonnenschein wird es kaum richtig warm hier, nachts sinkt das Thermometer teilweise bis in den zweistelligen Minusbereich. Doch die Sonne verursacht auf jeder Hautstelle, die nicht mit Sunblocker bedeckt ist, in kürzester Zeit einen Sonnenbrand übelster Sorte. Spätestens ab Mittag kommt dazu der Wind von vorn, und das kriegen wir jetzt wieder zu spüren. In den kleinen Gängen, obwohl bergab, kurbeln wir durch weltvergessene Adobedörfer und vorbei an großartiger Szenerie. Viehherden weiden ringsum, viele Lamas, und Indigeñas bearbeiten ihre Felder mit Hakenpflug und Grabstock wie schon in vorchristlichen Zeiten.

Unglaublich auch, wie wir in den nächsten Tagen plötzlich die Höhe spüren: In Cuzco mit seinen 3400 Höhenmetern (und auf den Pässen davor) hatten wir kaum Probleme und wähnten uns ganz gut höhenangepasst - aber die 3900 Meter hier (und das noch tagelang am Stück), das ist eine andere Liga. "Für die Höhe musst du geboren sein, ganz akklimatisierst du dich als Europäer nie", hatte schon Carlos gesagt; selbst er, obwohl seit 25 Jahren in Peru, muss immer wieder ein paar Tage in tiefere Gefilde "ausweichen", um Sauerstoff nachzutanken. Auf jeden Fall, schon an den kleinsten Steigungen und beim geringsten Gegenwind ist unser Akku leer, leer, leer! Oft radeln Einheimische ein Stück mit uns, auf altertümlichen, schweren Eastman- oder Hero-Rädern aus Indien, ohne Gangschaltung, hinten drauf einen Sack Kartoffeln oder gar die Senora mit Kind - gegen die haben wir mit unseren 18-Gang-Bicicletas-professionales nicht die geringste Chance, und dann wollen sie sich auch noch während der Fahrt unterhalten.... Aber einmal gewinnen wir: Der Señor, der von hinten in voller Fahrt mit seinem Sohn auf der Querstange angesegelt kommt, hat dermaßen einen in der Krone, dass er die ganze Straße braucht und schon in der ersten Kurve geradeaus ins Gelände driftet.

Ab Ayaviri schlafen wir auch keine Nacht mehr durch. Das liegt weniger an der Kälte oder (einmal) am Wirt unserer Herberge (es gab kein Licht, er rammt einen Schraubenzieher in den Sicherungskasten, und jetzt geht das Licht nicht mehr aus) - nein, auch das ist eine Auswirkung der Dauer-Hochlage: Oft wachen wir alle halbe Stunde mit Atemnot auf; erst nach einigen Tagen, unterstützt durch viel Coca-Tee und Gravol-Pastillen, kriegen wir wenigstens einige Zwei-, Drei-Stunden-Schlafetappen zusammen. Dass das auf die Dauer nicht gesund sein kann, liegt auf der Hand. Wir müssen sehen, dass wir möglichst bald wieder in tiefere Lagen kommen. So beschließen wir, uns in Bolivien wirklich auf die wichtigsten Highlights zu beschränken und uns möglichst schnell nach Chile abzusetzen.

Blick auf Puno

Doch jetzt lockt zuerst mal der Titicacasee. Nach Juliaca, Verkehrsknotenpunkt, Handels- und Schmugglerzentrum und sonst nicht weiter erwähnenswert (außer vielleicht wegen seinen vielen lustig bimmelnden Fahrradrikschas, die hier die Motorradtaxis ersetzen), stellt sich nochmals ein schweißtreibender Bergriegel quer. Doch dann blicken wir aus exponierter Lage hinunter auf die Stadt Puno, eine wirre Ansammlung aus Adobe- und unverputzten Ziegelbauten, und dahinter liegt er, blau, unendlich und wunderschön: Der Titicacasee, heiliger See der Inkas und Aymara, zwölfmal so groß wie der Bodensee und mit 3800 Höhenmetern höchstgelegener schiffbarer See der Welt.

Keine Frage, da ist (trotz Atemnot) ein zweitägiger Stopover fällig. Dabei interessiert uns weniger die Tatsache, dass Puno als Folklore-Hauptstadt Perus gilt. Stattdessen sehen wir uns schon bald in einer kleinen Barkasse sitzen und zu den berühmten schwimmenden Inseln der Uros hinaustuckern.

Als die Inkas sich im 13. Jahrhundert anschickten, das Gebiet um den Titicacasee zu annektieren, konnten sie alle hier heimischen Indianerpopulationen unterwerfen - außer den Uros. Die galten als das wildeste Volk im weiten Umkreis und pflegten sich nach Auseinandersetzungen immer wieder auf den See zurückzuziehen, was sie für die Inkas unschlagbar machte. Die Inseln der Uros bestehen aus verschnürten Schilfrohrbündeln ähnlich der bekannten Binsenboote, die Totora-Schilfstengel dienten sogar als Nahrungsquelle und zum Hüttenbau - dadurch waren die Uros autark, verteidigten ihre Unabhängigkeit und waren stolz darauf. Waren - die Vergangenheitsform ist leider Tatsache. Der letzte reinrassige Uro starb vermutlich 1958, nachdem im 19. Jahrhundert noch rund 4000 Familien auf den schwimmenden Inseln gelebt hatten. Was die Inkas nicht vermochten, das schaffte die moderne Zivilisation, quasi der Wunsch nach Cola, Moped und Fernseher. Um ehrlich zu sein, wir können's verstehen. Kaum betreten wir die erste Schilfinsel, sinken wir mit den Schuhen ein und haben bei jedem Schritt Angst vor nassen Füssen. Die heutigen Insulaner, mehrheitlich Aymara, die jeden Morgen mit dem Motorboot anreisen und abends wieder ihre Wohnung in Puno aufsuchen, haben angeblich zu 90% Rheuma; nur der Tourismus hält sie an ihrem feuchten Arbeitsplatz. Natürlich haben sie uns von ihrem Aussichtsturm (ein paar aufeinandergeschichtete Schilfballen) schon erspäht - gleich kommen alle angerannt und wollen Modell-Binsenboote und Webteppiche verkaufen. "Demme plata, caramelos, boligrafo!" - Geld, Bonbons und Kugelschreiber wollen die Kinder und zerren uns an den Hosenbeinen. Wir sind froh, als wir wieder ablegen dürfen. Für solche Folklore haben wir schon gar nichts übrig - zudem sollen die schwimmenden Inseln heute mit so vielen Lagen Schilf bedeckt sein, dass sie bereits am Seeboden aufsitzen. Riecht schon ein bisschen nach Schwindel, das Ganze.

Bei den Uros

Wesentlich besser gefällt uns da ein anderer Aspekt des Titicacasees: Als höchster schiffbarer See der Welt hat er natürlich auch eine Geschichte der modernen Seefahrt, und die begann im Jahre 1861. Damals vergab nämlich die peruanische Regierung einen Auftrag an die James-Watt-Giesserei in Birmingham, GB: Hergestellt werden sollten zwei kleine Schraubendampfer, um einen Liniendienst für Waren- und Passagiertransport auf dem Titicacasee aufzunehmen. Der Vertrag war streng formuliert: "Beide Dampfer müssen in Einzelteilen, die keinesfalls das Gewicht von 120 kg überschreiten dürfen, angeliefert werden." Es wurden dann 2766 Teile, die ein Jahr später an Bord der Mayola im Hafen von Arica (damals noch peruanisch, seit dem Salpeterkrieg chilenisch) angeliefert wurden. Dort verlud man die Kisten auf die Bahn und brachte sie ins 65 Kilometer entfernte Tacna, wo die Bahnlinie endete. Ab dort mussten sämtliche Teile auf Maultieren zum See transportiert werden, 400 Kilometer weit und über einen 4700-Meter-Pass. Erst 1869 konnte mit dem Zusammenbau begonnen werden, nachdem genügend Teile eingetroffen waren - zwischenzeitlich war der Maultiertreck auch noch wegen politischer Unruhen zum Stehen gekommen. An Weihnachten 1870 dann konnte das erste der beiden Schiffe, die Yavari, erfolgreich zu Wasser gelassen werden und im April 1871 seine Jungfernfahrt antreten. Das Schwesterschiff Yapura folgte etwas später.

M.S. Yavari

Die Yavari war damals 38,5 Meter lang, 5,2 Meter breit und hatte eine mit Kohle zu befeuernde Dampfmaschine. Kohle gab es jedoch am Titicacasee so gut wie keine, und so musste der Kessel mit getrocknetem Lamamist geheizt werden. Leider wurde dabei der gesamte Laderaum für den Lamamist benötigt, weshalb man das Schiff später um 10 Meter verlängerte. Trotzdem war auch dies nicht so recht effizient, sodass man 1914 einen schwedischen Bolinder-Vierzylinder-Dieselmotor einbaute.

Dieser Motor ist heute der größte seiner Art, der weltweit in Gebrauch ist. Die Yavari gibt es nämlich immer noch - sie liegt vor dem Hotel "Posada del Inka" vor Anker, wieder fahrtüchtig und fast fertig restauriert. Die Engländerin Meriel Larken hat sie 1987 von der letzten Eignerin, der peruanischen Kriegsmarine, gekauft und die Associacion Yavari gegründet. Seither wurde jede Minute gebastelt; die nautischen Instrumente konnten von einem Museum in Arequipa zurückerworben werden, und 1999 lief der alte Diesel erstmals wieder, nach 40 Jahren Stillstand. Bald soll der Dampfer als kleines Kreuzfahrtschiff wieder über den See ziehen, mit 20 Passagieren an Bord, stolz und schön wie vor 100 Jahren. Die Yapura hingegen rostet auch heute noch, abgewrackt und in schlichtem Schlachtschiffgrau, im Hafen von Puno vor sich hin.

Meriel Larken

Wir finden es einfach toll, dass so viel Idealismus aufgewendet wurde, um wenigstens einen der schönen alten Dampfer zu retten! Mit Mrs. Larken und dem Capitan Carlos Saavedra verbringen wir einen wunderschönen Vormittag an Bord der Yavari und bekommen jede Schraube erklärt. Schade, dass sie ihren Fahrdienst noch nicht wieder aufgenommen hat - wir hätten uns glatt nach Bolivien schippern lassen.

Doch der Titicacasee präsentiert sich auch von der Strasse aus weiterhin beeindruckend schön, als wir uns dann wieder in den Sattel schwingen. Rund um Puno ist er aber in etlichen Buchten durch abgestorbenes Totora-Schilf so stark verlandet, dass auf manchen noch vor 50 Jahren schiffbaren Seeflächen heute Ackerbau betrieben wird. In vorgeschichtlicher Zeit hat der See als eine Art Urmeer den ganzen Altiplano bedeckt - wieder mal ein Anlass nachzudenken, was für ein kleines Rädchen der Mensch doch im Getriebe der Welt und wie vergänglich alles ist.

Kurz vor Julí, einer Kleinstadt mit hübscher Panoramalage über dem See, holt uns Peter ein, der erste Langstreckenradler seit Stephen in Cuzco. Peter, Skilehrer aus Heiligenblut in Kärnten, ist auch in Lima gestartet und unterwegs Richtung Chile. Wir haben ihn schon am letzten Abend in Puno getroffen und bei einer guten Pizza ausführlich Radel-Erlebnisse ausgetauscht. Eigentlich lustig - man hört ständig von anderen Long-Distance-Bikern, die auf der Panamericana unterwegs sein sollen, liest x-erlei Webseiten, aber treffen tut man doch fast keinen - zu Hause hatten wir fast den Eindruck gewonnen, in Südamerika radle man im Konvoi. Aber einen kleinen Konvoi gibt es jetzt - der Kärntner Peter, voll durchtrainierter Sportler, mehrfacher Absolvent des Ötztaler Radmarathons und zudem nur mit 12 kg (!) Gepäck belastet, macht einen genialen Windschatten, und so nähern wir uns in Rekordzeit der Grenze nach Bolivien. Kurz vorher treffen wir sogar noch einen weiteren Reiseradler, nämlich Thomas aus der Schweiz, der mit seinem hoch beladenen Cannondale-MTB von Feuerland herauf kommt, keinen Meter auf andere Verkehrsmittel umgestiegen ist (abgesehen von der Feuerland-Fähre) und jetzt 11 Monate unterwegs ist. Netter kleiner Biker-Treff bei einer Cola vor dem Dorfladen in Pomata - so hatten wir uns das eigentlich immer vorgestellt.

Biker-Treff in Pomata

Ciao, Peru, heißt es dann - nach 1500 Radel- und etlichen Mietwagen-Kilometern müssen wir sagen, weit eher mit einem weinenden als mit einem lachenden Auge. Bezeichnend eigentlich, wie unterschiedlich die Eindrücke eines Landes immer ausfallen; für Stephen war Peru das Pech-Land seiner ganzen Radreise, auch Peter war nicht begeistert, vom Panamericana-Radel-Pionier Clemens Carle wissen wir Ähnliches. Für uns aber war Peru mit Sicherheit das interessanteste Land seit México, und das einzig Negative waren die Hola-Gringo- und Demme-Plata-Kids. Darüber kann man hinwegsehen - und jetzt steht, nach äußerst freundlichen und kurzen Grenzformalitäten auf beiden Seiten, Bolivien auf dem Programm.

Erster Eindruck von Bolivien: Es wird hügelig! Hier am unteren Ende des Titicacasees sind einige Berge in den Altiplano eingebettet, und in die windet die Strasse sich jetzt hinein. Auf den folgenden acht Kilometern zum Wallfahrtsort Copacabana brauchen wir mal wieder alle Gänge, bis wir aus schöner Aussichtslage über schütteliges Kopfsteinpflaster in das Städtchen hinunterholpern können.

Zweiter Eindruck: Bolivien ist billig! Nur 6 US$ zahlen wir im Hostal Colonial, einem ganz ordentlichen Haus, für ein Doppelzimmer mit gutem Bett und Seeblick. Schräg gegenüber ist eine Tankstelle, das heißt, vor einem kleinen Gemischtwarenladen werden Autos, vom Sammeltaxi bis zum Reisebus, mittels Schlauch und Eimer direkt vom Fass betankt. Und beim abendlichen Einkauf erhalten wir auch eine erste Ahnung davon, was es heißt, sich in Bolivien für eine Radtour zu verproviantieren. Wir suchen exakt neun Läden auf: Im ersten gibt es verstaubte Kekspackungen, später finden wir ein paar angegammelte Bananen, erst im achten haben sie Sprudel, im letzten Orangensaft (kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums). Leider bleiben wir ohne Joghurt und ohne vernünftigen Brotbelag. Thunfisch gibt es in ganz Copacabana nur eine Sorte, dafür steht in jedem Laden ein Karton mit (fast) frischen Fischen, und um einen Metzger zu finden, folgt man am besten den Geruch und den Fliegen. Dabei ist Copacabana eines von Boliviens Top-Reisezielen! Wie mag es da draußen auf dem Land zugehen? Der Lebensstandard im auch nicht gerade reichen Peru erschien uns dagegen mindestens zehnmal höher. Immer jedoch gibt es Kartoffeln, Mais im Sack und mehrere Sorten undefinierbarer Rüben, direkt von der Indigeña am Straßenrand. Erstaunlicherweise finden wir dann aber vereinzelt auch recht ordentliche Restaurants, wo es zum Teil sogar Pizza mit Schinken und Salami gibt (ob die geheime Einkaufsquellen haben?), und - erstklassiges Bier Marke Huari Pilsener! Da keimt doch für die weitere Ernährung vorsichtig  ein Fünkchen Hoffnung.

Boliviens Bestes!

Copacabana war schon zu Zeiten der Aymara und der Inkas eine wichtige Kultstätte. Später nutzte der Augustinerorden diese Tatsache zu seinem Vorteil und machte Copacabana zu einer religiösen Hochburg. In der nicht unbedingt schön zu nennenden, aber beeindruckenden Basilica steht die wundertätige schwarze Madonna, geschaffen von einem Indigeña-Künstler im 16. Jahrhundert. Übrigens leitet auch der berühmte Strand in Rio de Janeiro, an den man beim Name "Copacabana" unwillkürlich denkt, seine Bezeichnung von diesem Wallfahrtsort hier am Titicacasee ab: Dort, in Rio, wurde einst eine kleine Kapelle zu Ehren der schwarzen Madonna von Copacabana aufgestellt.

Wesentlich interessanter als die Wallfahrtstradition Copacabanas finden wir aber die Tatsache, dass wir hier, in diesem kleinen Städtchen, quasi unmittelbar am Ursprungsort der Inkas stehen. Draußen im See, ca. 18 Kilometer nördlich des Städtchens, liegt die Sonneninsel, mit ursprünglichem Namen Titicachi, wovon sich der Name "Titicacasee" ableitet. Der Legende nach soll auf der Isla del Sol der Schöpfergott Viracocha seine Kinder Manco Capac und Mama Ocllo abgesetzt haben. Sie bestiegen ein Binsenboot, zogen darauf nach Norden und gründeten Cuzco und die Dynastie der Inkas.

Wir fahren mit einem kleinen Touristenboot zur Sonneninsel hinaus. Anfangs geht ein Regenschauer nieder, es tropft durch das morsche Dach des alten Kahns, die Turistas schimpfen, aber der Skipper hat die Ruhe weg, steuert mit den Füssen und spielt nebenher auf seiner Bambusflöte. Oh, Bolivia! Doch dann kommt die Sonne raus, und es wird noch ein wunderschöner Ausflug. Wir sehen die Relikte des Sonnentempels, den heiligen Felsen und machen eine beeindruckende, dreistündige Wanderung durch die ganze Insel, immer in schönster Höhen-Aussichtslage. Fast wie ein Meer liegt unter uns der See, sicher einer der schönsten der Welt - dann steigen wir, wie angeblich schon Manco Capac und Mama Ocllo, mit schlotternden Knien die berühmte, steile 1000-Stufen-Treppe hinab und schiffen uns wieder Richtung Copacabana ein, während die untergehende Sonne fantastische Farbenspiele zaubert. Ob Manco Capac auf seiner Fahrt nach Cuzco auch so einen stotternden Außenbordmotor hatte? Sei's drum, auf jeden Fall war diese Bootstour der einzig würdige Abschluss unseres langen Reiseabschnitts auf den Spuren der Inkas. Und abends geht über den umliegenden Bergen ein Wetterleuchten nieder, als würde Viracocha seine Kinder gerade erneut zur Erde senden.

Copacabana

Die nächste Etappe hat es wieder in sich! Auf den folgenden zwölf Kilometern steigt die Straße ständig an und führt über einen weiteren namenlosen 4300-Meter-Pass, der in keiner Karte verzeichnet ist und den wir nicht auf der Rechnung hatten. Steigungsgrade von um die 10% schrecken uns normalerweise nicht, auch nicht mit Gepäck, aber hier in der dünnen Luft fordern sie uns das Letzte ab. Da war der Abra la Raya ein Klacks dagegen - stellenweise müssen wir alle paar Minuten kurz anhalten und keuchend die Lungen wieder vollpumpen. Dann wird es glücklicherweise flacher, und wir radeln auf einer Art Höhenstraße dahin mit überwältigenden Rundblicken auf den See, dessen Ufer hier fast fjordartig zerklüftet ist. Auf der Straße ist kaum Verkehr, nur Busse und hin und wieder ein Collectivo; Privat-PKWs scheint es in Bolivien nicht zu geben. Manchmal passieren wir Straßenbautrupps, die mit viel Manpower und nichts anderem als Meißeln, Hämmern, Hacken, Schaufeln und Schubkarren die Schlaglöcher ausbessern - durch Einpassung eines exakten Kopfsteinpflasters, hergestellt aus dem Gestein der umgebenden Felsen und ohne auch nur ein Gramm Teer oder Asphalt.

Dann führt die Strasse steil hinab auf Seeniveau. Nur 800 Meter breit ist der Titicacasee an seiner engsten Stelle bei Tiquina, wo morsche Holzfähren von einem Ufer zum anderen pendeln. Mit nur einem schwächlichen Außenborder setzen sie hier ganze Reisebusse über. Unser Fährmann fummelt ständig an unseren Rädern herum, testet Luftdruck und Speichenspannung, während er mit seinem einzigen Zahn Löcher in eine Semmel stanzt und gleichzeitig noch eine Menge unverständliches Zeug brabbelt. Wir sind froh, als wir drüben sind, obwohl es gleich wieder 200 Höhenmeter hinauf geht, praktisch wie gehabt. Das ist aber zum Glück die letzte nennenswerte Steigung vor La Paz, und aufatmend stürzen wir uns in eine schöne Abfahrt, die dann in die nur noch leicht hügelige Uferstraße am Südende des Titicacasees übergeht.

Huatajata ist eine wohltuende Abwechslung im tristen Einerlei der armseligen bolivianischen Lehmziegeldörfer. Der kleine Ferienort mit ein paar ganz ansprechenden Restaurants und Hotels lockt am Wochenende viele Erholungssuchende aus dem hektischen La Paz an; hier hat der höchste Yachtclub der Welt seinen Sitz - und ein Must See ganz besonderer Art, das wir eigentlich eher durch Zufall finden: Heim, Arbeitsplatz, Werft und Museum der Limachi-Brüder, sicher der besten Binsenboot-Bauer der Welt.

Die Limachis

Die Limachis, früher zu Hause auf der Insel Suriqui, sind keine Geringeren als die Erbauer von Thor Heyerdahls Ra II, mit der er 1970 von Safi / Marokko quer über den Atlantik bis Barbados segelte. Nachdem Heyerdahl zuvor mit der in Ägypten hergestellten Ra I Schiffbruch erlitten hatte, wurde er hier in Bolivien fündig, bei den Wahrern der jahrhundertealten Schilfboot-Baukunst. Wir werden freundlich von Demetrio Limachi begrüsst, dem Chef des Clans - sein Bruder Juan ist erst vor zwei Monaten in hohem Alter verstorben. Dessen Sohn und einige weitere Familienmitglieder gehören auch zum Team. Die Limachis sind so gut, dass Heyerdahl sie sogar 1977 wieder für sein Projekt "Tigris" holte; sie waren maßgeblich im Irak am Bau des Papyrusboots beteiligt, das Heyerdahl den Tigris hinab und bis nach Djibuti am Eingang des Roten Meers brachte. Und jetzt arbeitet Juans Sohn mit dem Chemnitzer Dominique Görlitz zusammen, der mit dem Binsenboot Abora II von Alexandria aus die Welt umsegeln will.

Für uns ist es höchst beeindruckend, mit diesen berühmten Männern reden zu können, die so maßgebend zu Thor Heyerdahls Welterfolgen beigetragen haben. Diese Indigeñas in ihren bunten Trachten haben den halben Planeten bereist und etwas verblüffend Weltgewandtes an sich, sind dabei aber bescheiden und äußerst sympathisch geblieben. Wir sehen alle der berühmten Binsenboote als Modell, dürfen den originalgetreuen Nachbau der Ra II besteigen und erfahren, dass die "gewöhnlichen" Schilfboote, die heute noch zum Fischen verwendet werden, nur ein Jahr halten, dabei aufwendige und höchst ausgeklügelte Konstruktionen sind, an deren Bau mehrere Männer 15 Tage arbeiten müssen. Zum Abschluss fährt Demetrio sogar noch für Fotografierzwecke extra für uns eine Runde in den See hinaus - Erlebnisse, die wir sicher nie vergessen werden, habe ich doch Heyerdahls Bücher früher regelrecht verschlungen. Das war unbestreitbar wieder mal ein absolutes Highlight unserer Panamericana-Reise!

Demetrio mit Binsenboot

Nach einer angenehmen Nacht im guten Hotel "Titikaka" setzen wir zum Endspurt nach La Paz an. Die Straße ist recht eben, die Landschaft jedoch (den Titicacasee haben wir leider bald hinter uns) eher langweilig, abgesehen von den interessanten Schneebergen der Cordillera Real am Horizont. Die zahlreichen Dörfer, die wir dabei durchradeln, sind sowas von trist, wie wir das noch nie gesehen haben, noch nicht mal im hintersten China. Fast alle Häuser sind schmucklos, drumherum ist es verwahrlost, Betrunkene torkeln umher. Und langsam (aber eigentlich schon seit Copacabana) bestätigt sich auch unser dritter Eindruck von Bolivien: Die Menschen hier sind uns nicht sonderlich sympathisch. Keiner grüßt hier freundlich wie überall in Peru, und selbst wenn wir winken und "Hallo" rufen, schreien sie im Kollektiv "Gringos!" und scheinen uns dabei auszulachen. Halten wir an, um etwas zu trinken oder ein paar Kekse zu kaufen, kommt eine Horde verrotzter Kinder angerannt, zerrt uns an den Klamotten und schreit "Plata!" Dazu haben die Autofahrer einen Scheiß-Fahrstil, der selbst Perus Taxifahrer wie Waisenknaben dastehen lässt. Die Trucks und Busse drängen uns auch dann auf den unbefestigten Seitenstreifen, wenn kein Gegenverkehr kommt und wirklich genügend Platz wäre. Einmal verfehlt mich ein Bus mit seiner Gepäckleiter nur um Haaresbreite, ein andermal fädelt sich ein Laster so knapp aus einem Nebenweg vor Sybille ein, dass sie eine Vollbremsung hinlegen muss. Dabei grinst der Fahrer noch blöd aus dem Seitenfenster seines Schrotthaufens und scheint sich zu amüsieren. Auf jeden Fall haben wir, wie noch nirgends zuvor an der Panamericana, den absoluten Wunsch, dieses Land baldmöglichst wieder zu verlassen. Triste Dörfer, unfreundliche Menschen, dazu jede Nacht Atemnot, mieses Futter und (spätestens ab La Paz) trotz aller Vorsichtsmaßnahmen täglich Dünnschiss - eigentlich haben wir es nicht nötig, uns das ein paar Wochen lang reinzuziehen.

El Alto, die Oberstadt von La Paz, ist ein einziges Dreckloch. Das Gringo-Geschrei und das blöde Gelächter ist noch lauter als die zahlreichen Schrottkübel ohne Auspuff. Wir kurbeln monoton weiter, um es hinter uns zu bringen. Man stelle sich vor, wir schreien zu Hause bei jedem etwas fremdländisch aussehenden Passant "Türke, huahaha!" oder "He, Inder, Geld her!" - das Bild vom "hässlichen Deutschen" würde mal wieder auf der ganzen Welt die Runde machen.

Längst ist es Mittag, der Magen hängt uns in den Kniekehlen, aber selbst, wenn er in die Speichen käme, in diesem Ambiente würden wir nix hinunterkriegen. Also weiter - dann plötzlich ein Geländeabbruch, fast ins Bodenlose, und wir sehen La Paz in seinem Talkessel vor uns liegen, wie ein Amphitheater, 1000 Meter Höhenunterschied.

Blick auf La Paz

Da sind selbst wir in unserer heutigen Stimmung überwältigt. Auf der Autobahn fetzen wir zu Tal, nur gebremst durch den miesen Straßenbelag; Verkehr gibt es eh fast keinen, weil die Autobahn Maut kostet. Und dann verschlingen wir heißhungrig, auf dem Seitenstreifen stehend und in berauschender Aussichtslage, zwei Orangen und eine Packung Kekse. Die Stadtautobahn von La Paz, das ist mit Sicherheit der ruhigste und friedlichste Ort im Umkreis von zehn Kilometern rauer und hektischer Umgebung.

Spätestens als wir in der Innenstadt ins indianische Viertel einbiegen, wo es eine Menge preisgünstiger Hotels haben soll, stellen wir fest, dass es in La Paz keine einzige waagrechte Straße gibt. Die Calle Sagarnaga ist steil wie ein Hausdach, da sind selbst die berüchtigten Straßen San Franciscos ein Dreck dagegen. Wir schätzen die Steigung auf mindestens 25%, stemmen unsere Schwertransporter über übelstes Kopfsteinpflaster nach oben, dann müssen wir erst einmal zehn Minuten verschnaufen, umgeben von einem unheimlichen Menschengewusel. Auf der Straße sitzen unzählige Indigeñas und bieten Waren feil, hier wird am Straßenrand gelebt, geschlafen, Kinder gewickelt und gestillt, vermutlich auch noch Kinder gekriegt und wahrscheinlich auch gestorben.

Dann checken wir im Hotel Milton ein, einem recht abgewetzten alten Kasten, der aber nicht eines gewissen Charmes entbehrt. Wir haben von unserem Zimmer im 5. Stock einen Super Panorama-Rundblick, das Bett ist sehr gut und das gesamte Personal auf bodenständige Art so freundlich, wie wir das in Bolivien absolut nicht mehr für möglich gehalten hätten - die ersten sympathischen Bolivianer seit den Limachis. Das hebt die Laune, unbedingt, und wir verbringen wider Erwarten in La Paz zwei interessante, durchaus anregende Tage.

La Paz eine schöne Stadt nennen zu wollen, wäre wohl vermessen. Das schönste ist die Lage; sicher gibt es keine andere Millionenstadt auf der Welt, deren Stadtteile sich auf 1000 Höhenmeter verteilen. Die mieseste Ecke, El Alto (4100 m), kennen wir schon - die besten Viertel findet man ganz unten auf 3100 Metern Höhe, wo die Luft sich am angenehmsten atmen lässt. Und in der Innenstadt verschmelzen Tradition und Moderne zu einer ganz besonderen Mischung. Repräsentative Bankhochhäuser, hübsche kleine Parks und koloniale Altstadthäuser finden sich genauso wie Gewerbegebiete und die ausladenen indigenen Märkte in unserem Viertel. Zwei Blocks entfernt vom Hotel Milton ist die Calle Linares, die sogenannte "Hexengasse".

In der Calle Linares

Hier bieten Zauberinnen und Wunderheiler geheimnisvolle Pülverchen, Elixiere, Kräuter und heilige Steine an, stellen Diagnosen für jedes Zipperlein und geben Ratschläge für ein langes Leben, das in Bolivien in der Regel nur 61 Jahre dauert. Da kann man Stierhoden kaufen, Felle eigentlich geschützter Raubkatzen - und getrocknete Lamaembryos. Die werden beim Hausbau im Fundament eingelassen; das besänftigt Pachamama, Mutter Erde, und dann fällt das Haus vielleicht trotz Erdbeben und miesem Baumaterial nicht ein. Dann gibt es Gassen mit Schlossern, Schuhmachern, Musikinstrumentenbauern, und es gibt einen ganz offiziellen Diebesmarkt. Dort soll schon so mancher Tourist für teures Geld seine vorher geklaute Kamera oder Armbanduhr zurück erworben haben.

Noch eine Menge Kuriositäten mehr hat La Paz zu bieten: Zum Beispiel sitzt wie eine riesige Betonschüssel mitten in der Stadt das Olympiastadion. Zwar gab es in Bolivien niemals olympische Spiele, aber hier gewann Boliviens Fußball-Nationalmannschaft vor Jahren die Südamerika-Meisterschaft gegen die hoch favorisierten, doch kräftig schnaufenden Brasilianer. Daraufhin waren internationale Turniere auf über 3000 Metern Höhe für längere Zeit verboten. La Paz ist auch, den extremen Straßen zufolge, eine Stadt völlig ohne Fahrräder. Höchstens drei Radler sehen wir während unseres Aufenthalts hier (abgesehen von den Downhill-Bikes, mit denen man auf geführten Touren in die Yungas hinunter fetzen kann, 3000 Höhenmeter auf 50 Kilometern). Auch wir können es uns verkneifen und radeln in La Paz nach Bezug unseres Hotels keinen einzigen Meter mehr. Dafür erschließen wir uns die Stadt mittels der ständig präsenten und spottbilligen Taxis, importierte Uralt-Gebrauchtwagen aus Japan zumeist. Die meisten davon sind Coches transformados, das heißt, sie wurden von der in Japan üblichen Rechtslenkung auf Linkslenker umgebaut. Das Armaturenbrett konnte man dabei natürlich nicht wenden, und so sitzt der Fahrer vor dem Handschuhfach und der Beifahrer vor dem Cockpit, dessen Instrumente aber sowieso fast nie funktionieren.

Coche transformado

Grundsätzlich fährt außerdem jedes Taxi in La Paz bergab im Leerlauf und nachts ohne Licht, dabei recht zügig; die verängstigten Pasajeros schwitzen Blut und Wasser, und die Passanten werden zu konditionsfördernden Sprinteinlagen genötigt.

An einem unserer La-Paz-Tage nehmen wir an einer interessanten Kleinbus-Tour teil, die in vielen der überreichlich vorhandenen Touri-Agenturen angeboten wird: zum Chacaltaya-Gletscher, gleich draußen vor den Toren der Stadt. Das ist eine gute und für Otto Normal-Urlauber weltweit fast einmalige Gelegenheit, praktisch ohne Anstrengung auf über 5000 Höhenmeter zu kommen. Der alte Mazda ist mit 16 Touris gut gefüllt und schraubt sich im ersten Gang auf steilen Nebenstraßen nach El Alto hinauf. Dort beginnt dann die Piste zu Boliviens höchstem erreichbarem Straßenpunkt. Erst geht es auf hügeligen Altiplano-Ausläufern sanft, dann immer steiler bis sehr steil hinauf, vorbei an vielen weidenden Lamas, ein paar kleineren Stauseen und am Wasserwerk von La Paz. Bald führt die Piste einspurig in die Felswand hinein, eine Serpentine nach der anderen, über Schotter und kindskopfgroße Steintrümmer, rechts geht es steil hinunter. Der Bus packt es kaum, aber kurz vor elf sind wir dann oben auf 5300 Metern bei der Hütte des Club Andino. Ein rauer Wind weht, Schneereste sind zu sehen, dazu das klägliche Überbleibsel des durch die globale Erwärmung stark geschrumpften Chacaltaya-Gletschers. Von Dezember bis März ist das hier das höchste Skigebiet der Welt. Wunderbare Ausblicke nach La Paz, auf etliche umgebende Schneeberge und sogar bis zum Titicacasee erfreuen das Auge. Einige Wagemutige nehmen noch den gut 150 Meter höher liegenden Gipfel in Angriff (schnauf, keuch!), wir hingegen genießen bei schönstem Sonnenschein und interessanten treibenden Wolkenfetzen lange das Panorama von einer gemütlichen Bank, bis uns ein Schnee- und Graupelschauer zu einem Cocatee in die Hütte treibt. Dort erfahren wir vom Hüttenkellner, dass doch tatsächlich gestern der Kärntner Peter hier oben war, und zwar mit dem Fahrrad! Uns fällt fast das Gebiss heraus - der ist wirklich nicht zu bremsen, alle Achtung! Kein Wunder, dass wir dem kaum hinterdrein gekommen sind. Eine Beradlung des Chacaltaya, meint der Kellner, komme definitiv auch recht selten vor, so zwei-, dreimal im Jahr vielleicht.

Auf 5300 Metern am Chacaltaya

Tja, La Paz ist immer gut für spannende Erlebnisse. Interessant ist auch, wie in der Berghütte auf Fotos dargestellt, in welchem Maß der Gletscher in den letzten 50 Jahren zurückgegangen ist. Das Gletscher-Schmelzwasser ist auch ein wesentlicher Faktor der Wasserversorgung von La Paz - wenn das so weiter geht, sitzen die dort bald auf dem Trockenen. Es ist immer wieder beeindruckend zu sehen, wie doch der Mensch die Welt versaut, sei es durch seinen Beitrag zur Klimaveränderung, zur Bodenerosion oder zum sozialen Ungleichgewicht. Dann holpern wir wieder knapp 2000 Höhenmeter hinunter in den Hexenkessel der Stadt.

Langsam wird es Zeit, dass wir unsere Weiterfahrt Richtung Chile regeln. Eigentlich wären wir gerne mit dem Zug nach Uyuni gefahren, um uns dort einer der Touren über den Salzsee nach San Pedro de Atacama anzuschließen. Aber von La Paz geht schon seit mehr als zehn Jahren kein Zug mehr; der einst schöne Bahnhof ist heruntergekommen, das Gleisfeld dient als Parkplatz für Linienbusse und LKWs. Die Straße nach Uyuni jedoch wird kurz hinter Oruro so schlecht, dass das mit einem Trekkingrad und Gepäck kaum zu machen ist. So nehmen wir gerne das Angebot unseres Hotelmanagers Gustavo an, uns mit dem Kleinbus des Hotels Milton nach Uyuni zu kutschieren; er muss ohnehin dort eine kleine Tourgruppe abholen. Zwei Sitzreihen des Busses werden ausgebaut und auf dem Dachträger verstaut, so entsteht Platz für unsere Fahrräder und das Gepäck. Bedingung: Schon morgen muss es losgehen - da verzichten wir eben auf den eigentlich geplanten Downhill nach Coroico in den Yungas, sei ohnehin nicht viel anders als Baños in Ecuador, wie Gustavo meint. Na, sei's drum - der Salar de Uyuni ist uns wichtiger. Und auf eine Radtour von La Paz bis zum Bahnhof in Oruro sind wir bei den bisherigen Bolivien-Eindrücken auch nicht gerade scharf.

Am nächsten Morgen beginnt unser "Abenteuer Südbolivien". Wir schauen aus dem Fenster: Drunten vor dem Hotel wird gerade der Gemüsemarkt aufgebaut; mitten drin steht seelenruhig unser Bus und ist total eingekeilt. Wie sollen wir so nach Uyuni kommen? Nach dem Frühstück schauen wir wieder hinaus - da ist der Bus tatsächlich weg, Gustavo hat ihn zwei Straßen weiter geparkt, wo wir in Ruhe einladen können. Wie er das geschafft hat, ist uns echt schleierhaft. Aber Gustavo wird noch mehr fast unmögliche Dinge schaffen müssen heute, wie wir noch sehen werden.

Lieber gut gefahren als schlecht geradelt!

Nachdem wir die Räder schön im Bus vertäut und drumrum unser Gepäck drapiert haben, kann es endlich losgehen. Über die Stadtautobahn, auf der wir kürzlich in den Kessel von La Paz eingetaucht sind, verlassen wir die Stadt. In El Alto tankt Gustavo noch und lässt den Reifendruck kontrollieren. Dann geht es lange endlos über den Altiplano, bis Oruro ist die Strecke recht fad, aber wir kommen gut vorwärts. Eine nette Abwechslung ist es, als bei Patacamaya der Vulkan Sajama auftaucht, in weiter Ferne zwar, aber mit seiner schneebedeckten Spitze sehr beeindruckend, immerhin der höchste Berg Boliviens.

In Oruro machen wir eine Snack- und Pinkelpause. Sybille tut es gut, mal ein paar Meter auf und ab gehen zu können, ihr ist es heute gar nicht besonders, sie hatte schon gestern Durchfall und wohl auch ein bisschen Fieber. Oruro war früher ein wichtiges Zinn-Bergbauzentrum, aber die Minen geben nicht mehr viel her. Die meisten Menschen leben hier, wie uns Gustavo erzählt, vom Schmuggel. Sie kaufen günstige Ware in Chile im Zollfreihafen von Iquitos und verkloppen sie hier unter der Hand. Dazu ist Oruro ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, hier laufen alle noch existierenden Eisenbahnlinien Boliviens zusammen.

Weiter geht es auf der Hauptstraße Richtung Potosí. Die Landschaft wird jetzt interessanter, fast ein bisschen wildwestartig. Ringsum sieht man etliche Bergbaurelikte, stillgelegte Metallschmelzen und Grubeneingänge, wir passieren auch einige recht triste Bergbaustädtchen und überqueren einen total schwermetallverseuchten Fluss. Die Landschaft ist furztrocken, manchmal gibt es kleine Windhosen, die ordentlich Staub aufwirbeln. Hin und wieder sieht man einzelne, verloren wirkende Gestalten durch die Wüste wandern, fast wie im Wim-Wenders-Film "Paris, Texas". Manchmal bestimmen auch weite Salzsenken das Bild, Relikte von ausgetrockneten Seen. Und rechts, weit draußen, ist manchmal der Lago Poopo zu sehen mit seiner großen Wasserfläche, fast wie eine Fata Morgana.

An der Pista nach Uyuni

In Panza ist mitten auf der Strecke eine Schranke, daneben ein Polizeiposten. Hier wird jedes Fahrzeug registriert. Das sollte man sich mal bei uns vorstellen! Aber es kommen sicher nicht mehr als zehn, zwölf Fahrzeuge die Stunde, da sind die Polizisten bestimmt nicht überlastet. Und in Challapata essen wir im einzigen Vertrauen erweckenden Restaurant ein Sandwich und trinken ein Bier. Das tut Sybille gut, und jetzt ist es ihr ein bisschen besser.

Nach der nächsten Kleinstadt, Huari, hört abrupt der Asphalt auf und entlässt uns auf eine wirklich raue Piste. Ich setze mich nach hinten zu den Fahrrädern und zum Gepäck und passe auf, das es nicht alles durcheinander wirbelt. Bald besteht die Piste aus übelstem Waschbrett, dann wieder kommen Sandpassagen wie in der Sahara, und schon nach zehn Pistenkilometern liegt im Auto, inklusive auf Fahrrädern und Gepäck, so viel Staub, als wäre ein Sandsturm durchgezogen. Dann wieder Schotter; fast meinen wir, der Bus müsste auseinander fallen. Durch Treibsandlöcher schafft es Gustavo immer gerade noch mit letzter Kraft, und auch einige kleinere Flüsse sind zu durchqueren. Und nebenher verläuft die Bahnlinie in stolzer Schönheit, die Gleise glänzen in der Sonne. Ist schon unverständlich, dass man nicht mehr mit dem Zug von La Paz bis Uyuni fahren kann, sondern nur noch von Oruro - das hätten wir sonst sicher gemacht und uns eine Menge Gerüttel erspart.

In Rio Mulatos machen wir noch ein paar Fotos. Hier zweigt die Bahnlinie nach Potosí ab (auf der leider auch kein Personenzug mehr fährt), der Bahnhof könnte in jedem Western stehen. Das ganze Kaff ist sowas von trist - wie man hier wohl freiwillig leben kann? Aber es gibt immerhin Wasser, Kartoffeln werden angebaut, man sieht weidende Schafherden und ein paar Lamas. Und dann geht es weiter, Waschbrett pur, fast fallen uns die Zahnplomben heraus.

Plötzlich hält Gustavo an, mitten in der Pampa. Der Motor wird zu heiß  - zum Glück ist eine große Flasche Wasser an Bord. Am nächsten Flüsschen hält Gustavo nochmals, bestimmt drei Liter Wasser passen in das Kühlsystem. Irgendwo muss das Auto Wasser verlieren - ein dünner Strahl kommt unten raus. Mit einer Füllung Wasser kommen wir jetzt immerhin zehn Kilometer weiter, aber das Leck scheint grösser zu werden. Mittlerweile halten wir bei jedem Bach, bald brauchen wir schon alle fünf Kilometer eine neue Füllung. In Chita dann, noch 44 Kilometer vor Uyuni, baut Gustavo mit Hilfe eines gerade am Straßenrand stehenden Bolivianers eine Auffahrrampe aus ein paar alten Adobes, um sich den Schaden genauer anzusehen. Ein schneidend kalter Wind fegt durch das Dorf, gegenüber geht hinter dem vergammelten Bahnhof die Sonne in glühenden Farben unter.

Abends am Bahnhof Chita

Bald kann Gustavo einen rissigen Kühlerschlauch als Ursache des Wasserverlusts ausmachen. Ein alter Lappen wird darumgebunden. "So we can reach Uyuni!" sagt Gustavo hoffnungsvoll. Der Bolivianer, der in die nächste Ortschaft Colchani will, darf auch noch mitfahren - er kennt außerdem alle Wasserlöcher an der Straße. Und tatsächlich, jetzt schaffen wir wieder zehn Kilometer ohne nachzufüllen, dann wieder nur fünf, dann gar nur zwei. Selbst schon in Ansicht der Lichter von Colchani müssen wir noch einmal mit der Taschenlampe in der Wüste Wasser suchen, damit wir den Ort vollends erreichen können.

In Colchani versucht Gustavo, einen großen Kanister zu kaufen. Es ist mittlerweile fast 9.00 Uhr abends, nur noch 20 Kilometer trennen uns von unserem Ziel. Doch kein Kanister ist aufzutreiben. So entschließen wir uns, den Bus und die Fahrräder bis morgen in einem umfriedeten Hof abzustellen und ein Taxi für die Weiterfahrt anzuheuern. Im Ort ist aber gerade ein Fest, überall hört man die schrägen Töne der Blasmusik. Einige herumtorkelnde Gestalten lassen außerdem drauf schließen, dass es genügend Freibier gibt. Der einzige verfügbare Taxifahrer, den wir schließlich finden, ist dann auch dermaßen borracho (= besoffen), dass er fast sein Taxi nicht findet. So muss Gustavo das Taxi selber fahren, daneben der Fahrer und seine genauso besoffene Frau, die immer lallt "Tranquilo, Chico!" Hinten bei uns sitzt noch deren etwa achtjähriger Sohn, der sich für seine Eltern zu schämen scheint und der einzige ist, der Gustavo den Weg erklären kann.

So trudeln wir also nachts um zehn endlich mit Sack und Pack in Uyuni ein. Der alte Klapper-Mazda ging alle zwei Kilometer aus, dann fiel ständig das Licht aus und man musste auf die Motorhaube hauen, damit es wieder anging. Gustavo, der total staubig und verrußt ist, muss jetzt noch seinen Kumpel suchen (von seiner hier ansässigen Agentur), damit der ihn nach Colchani begleitet und den Bus nach Uyuni schleppt. Und er muss auch noch den besoffenen Taxifahrer nebst Familie zurückfahren, damit sie sich endlich vollends die Gurgel absaufen können. Auf uns hingegen wartet jetzt doch noch, was wir schon fast nicht mehr zu hoffen gewagt hätten, ein gutes Bett und ein feines Abendessen im Hotel Tonito, sogar bei schönster Jazzmusik. Das war wirklich mal ein interessanter Tag heute - auch ohne im Fahrradsattel zu sitzen kann Bolivien recht spannend sein, wie wir gesehen haben. Dann schlafen wir wie die Steine.

Uyuni

Uyuni ist ein bärbeißiges Wüstenstädtchen mit staubigen Sandstraßen, immerhin aber sogar einer kleinen Fußgängerzone und vielen Agenturen, wo man Touren über den Salar buchen kann. Dies stellen wir bei einem ersten Erkundungsspaziergang am nächsten Morgen fest, der aber abrupt beendet wird, als es auch bei mir im Kessel kräftig zu rumoren beginnt. Wir schaffen es gerade noch ins Hotel, da trifft auch mich mit Vehemenz Montezumas Rache, dazu habe ich über 39 Grad Fieber. Darminfektion, konstatiert die freundliche Apothekerin mit sorgenvoller Miene. Ab ins Bett, heißt das, unterbrochen durch etliche Schüttelfröste schlafe ich heute fast 16 Stunden - Sybille auch gleich mit, denn auch bei ihr wird es einfach nicht besser. Doch Sussy, unsere nette Wirtin, und ihr amerikanischer Mann Chris päppeln uns mit guter Gemüsesuppe und Tee wieder auf. Am nächsten Abend geht schon wieder eine kleine Pizza - das ist hier unbestreitbar das beste Restaurant seit Peru, biologisch angebautes Gemüse und sonstige sorgfältig ausgewählte Zutaten.  Das stellt uns wieder auf die Beine - wie soll man auch nicht krank werden bei dem in Bolivien üblichen Futter? Das Menü besteht meistens aus einem ollen Hühnerteil mit mindestens 1000 Flugstunden, das wer-weiß-wie-lange in einer Ecke rumgelegen ist, dazu trockener Reis, kaltes Gemüse fragwürdiger Herkunft und zum Nachtisch ein Imodium. Mahlzeit!

Bald geht auch wieder ein kleiner Spaziergang, hinaus zum Eisenbahnfriedhof, auf dem -zig ausrangierte Dampfrösser, zum Teil halb ausgebeint, romantisch in der Abendsonne stehen. Manche sind mit tollen Graffiti verziert: "Asi es la vida", so ist das Leben, heißt es da, oder: "G.W. Bush - un dia tu terminaras como este tren!" - eines Tages wirst du wie dieser Zug hier enden. Tja, da sind wir doch auf einen Schlag fast wieder gesund! Wir lachen noch auf dem halben Heimweg, während ein scharfer Wind Müll und viel Staub durch die Straßen bläst und das Humptata der Blasmusik von der nahen Militärbasis herübertönt. Immer, wenn sie dort Funksprüche absenden, flackert in ganz Uyuni das Licht. Und im Hotel hängt an der Tür ein Schild: "Lieber Gast - wenn Sie morgens um acht aus der Tür treten und die Militärkapelle spielt die bolivianische Nationalhymne, dann bleiben Sie stehen und nehmen Sie den Hut ab. Wenn Sie das nicht wollen, bleiben Sie lieber im Hotel, um sich Unannehmlichkeiten zu ersparen."

Asi es la vida!

Langsam sind wir wieder so fit, dass wir an unseren kleinen Abstecher nach Potosí denken können. So besteigen wir eines Morgens mit unseren zwei kleinen Rucksäcken und mit rund 40 anderen Reisenden einen höchstens für 25 Personen zugelassenen Bus, der uns sechs Stunden lang durch atemberaubende Westernlandschaften und über haarsträubende Pisten schaukelt. Potosí, im 17. Jahrhundert reichste Stadt der Welt, ist heute sicher die einzige Großstadt Amerikas, die von keiner Seite und schon gar nicht von der Hauptstadt aus über Asphalt zu erreichen ist (nur nach Sucre gibt es eine befestigte Straße, dann ist aber auch in dieser Richtung Schluss).

Schon lange, bevor man der ersten Häuser Potosis ansichtig wird, bestimmt ein großer, vulkanartig aussehender Berg das Bild, der merkwürdig kahl und krank wirkt. Das ist der 4800 Meter hohe Cerro Rico, aus dem seit 1545 bis heute die schier unvorstellbare Menge von knapp 50.000 Tonnen Silber herausgeholt wurde. Die Straßen Potosís, so hieß es früher, seien mit Silber gepflastert, und mit der Ausbeute hätte man eine Brücke von Südamerika bis Spanien bauen können. Auf jeden Fall, Mitte des 17. Jahrhunderts hatte Potosí, obwohl in unwirtlicher Hochlage auf knapp 4100 Metern gelegen, mit 160.000 Einwohnern eine höhere Population als beispielsweise Paris oder Rom in jener Zeit. Dazu muss die Stadt ungeheuer prächtig gewesen sein.

Davon merkt man heute nicht mehr viel. Die einst über 30 prunkvollen Kirchen sind zum Teil verfallen, in den Straßen riecht es seichelig und das Silberpflaster ist löchrigem Kopfstein gewichen. Seit das historische Stadtzentrum zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt wurde, wurde zwar etliches renoviert, aber da ist noch recht viel zu tun. Stadtpaläste früherer Silberbarone gähnen mit leeren Fensterhöhlen den Betrachter an und sind von innen notdürftig abgestützt. Beeindruckend ist aber der wuchtige, zwei Straßenblocks umfassende Gebäudekomplex der Casa Real de la Moneda.

In der Casa Real de la Moneda

Hier wurde früher das Silber gelagert und für den Transport nach Spanien verpackt - per Maultier nach Lima, dann mit dem Schiff nach Panama und dort wieder über den schon im Panama-Kapitel erwähnten Camino Real per Landtransport auf die Atlantikseite. Ein heikles Unternehmen, wie man noch heute weiß: So zeigt man uns bei der Führung einen genialen Tresorkoffer aus dem 17. Jahrhundert, der mit einem höchst komplizierten Schloss (für damals absolut High Tech) und zusätzlich noch mit einer Schlossattrappe ausgestattet ist, zum Schutz vor den ständig drohenden Piratenüberfällen. Jahrhundertelang wurden hier, in der Casa de la Moneda, auch sämtliche Münzen für Spanien geprägt, aus echtem Potosí-Silber, auf riesigen, zwei Stockwerke umfassenden Holzmaschinen mit gigantischen Zahnrädern aus Zedernholz. Heute werden pikanterweise die bolivianischen Münzen in Spanien geprägt, einige auch in Canada, die Scheine kommen aus Frankreich. Viele Jahre wurden die bolivanischen Schätze ausgebeutet, zur Mehrung von Spaniens Reichtum - und heute muss Bolivien für die Herstellung seines eigenen Gelds in Spanien bezahlen.

Natürlich verteilte sich der Reichtum Potosís nicht auf alle Einwohner, sondern nur auf die allerwenigsten. Die Spanier versklavten seinerzeit ganze Indigeña-Dörfer und ließen die Bewohner sich in den unzähligen Stollen des Cerro Rico zu Tode schuften. Der Berg wurde durchlöchert wie ein Schweizer Käse, und bis zum 18. Jahrhundert hatten in ihm 8 Millionen (!) Indigeñas den Tod gefunden, verunglückt, an Schwäche gestorben oder an Vergiftung durch Quecksilber, das zur Amalgamisierung des Silber eingesetzt wurde und bis heute Potosís Grundwasser verseucht.

Auch heute noch wird im Cerro Rico gewaltig Bergbau betrieben, von der staatlichen COMIBOL und von kleinen, privaten Cooperativas. Silber gibt es zwar schon lange keines mehr, selbst die einst reichen Zinn-, Blei- und Zinkvorkommen sind weitgehend ausgebeutet. Trotzdem kriechen noch täglich tausende von Mineros in den Berg, in gebückter Haltung durch kaum mannshohe Stollen, und schleppen das erzhaltige Gestein in Säcken auf dem Buckel heraus, das andere mittels Hammer und Meißel, Pressluftbohrern und Dynamit drinnen losgebrochen haben. Eine unmenschliche Arbeit nach wie vor, zu ertragen nur durch ständiges Kauen von Cocablättern (angereichert durch Kalk, um die Wirkung zu erhöhen) und 96%igen Alkohol; den ganzen Tag im Berg nehmen die Männer nichts anderes zu sich außer diesen stimulierenden Substanzen. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die bolivianischen Minenarbeiter auch heute noch eine Lebenserwartung von nur 35 Jahre haben, das Ganze bei gerade 90 US$ Monatssalär. Wir stehen nicht einmal die übliche Vierstunden-Führung durch ein solches Bergwerk durch. Ohrenbetäubender Lärm, 35 Grad im Berg, dazu giftige Dämpfe - nach eineinhalb Stunden wollen wir nur noch raus, raus, raus! Fast meinen wir, der Hölle entronnen zu sein; unsere Potosí-Erlebnisse werden wir sicher im Leben nicht vergessen! Wir sind froh, als wir wieder im Klapperbus nach Uyuni sitzen. Obwohl der diesmal mit wenigstens 50 Personen besetzt ist, ist es darin mit Sicherheit noch um einiges gemütlicher als in einem bolivianischen Bergwerk.

Der Cerro Rico

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit sind wir wieder im Hotel Tonito und beziehen unser gutes Zimmer - glücklicherweise, denn hätten wir nicht reserviert, wäre es weg gewesen. Die ganze Gaststube sitzt heute voll mit Touristen, fast gibt es keinen Stuhl mehr. Das ist außergewöhnlich für einen Ort, in dem man normalerweise maximal eine Nacht bleibt, um sich dann möglichst schnell über den Salar nach Chile oder mit der Bahn nach Argentinien abzusetzen. Von den Australiern Allan und Kim erfahren wir beim Abendessen, dass der Weg nach Chile derzeit nahe der Laguna Verde durch Straßenblockaden gesperrt ist. Offensichtlich sind die Bewohner der kleinen Orte dort sauer, weil sie am Touristengeschäft zu wenig beteiligt sind - die Agenturen in Uyuni und auch in La Paz haben das Business im Griff. Solche Blockaden aus unterschiedlichen Gründen sind in Bolivien an der Tagesordnung, wie wir hören, können recht lange dauern und eskalieren manchmal nach nächtlichen Alkoholexzessen der Blockierer in nackter Gewalt. Auch Allan und Kim konnten ihre Tour nicht zu Ende machen; sie saßen zwei bitterkalte Nächte lang an der Laguna Colorada fest, und beim Versuch, das Gebiet über Schleichwege und kaum genutzte Saumpfade zu verlassen, wurde ihr Jeep mit Hacken, Schaufeln und Steinwürfen angegriffen.... Auf jeden Fall haben die beiden genug und sich Tickets für den Nachtexpress nach Salta besorgt. Und auch wir werden wieder mal recht nachdenklich. Für übermorgen haben wir ein Fahrzeug mit Fahrer und Köchin gechartert, das uns und unsere Fahrräder auf genau der fraglichen Route zur chilenischen Grenze bringen soll. Sitzen auch wir jetzt fest? Wie geht es weiter? Wann können wir endlich dieses Land verlassen? Gewalttätige Auseinandersetzungen, das fehlt jetzt gerade noch für unser Bolivien-Gesamtbild! Unwillkürlich kommt einem da in den Sinn, dass vor nicht einmal einem Jahr ein bewaffneter Mob bei Cochabamba und La Paz nach ähnlichen Blockaden die Regierungstruppen angriff - das kam damals sogar in Alemania in der Zeitung, es ging dabei um die Verwertung der bolivanischen Erdgasreserven, gab Tote und Verletzte, und das Auswärtige Amt warnte eine Zeitlang vor Reisen nach Bolivien....

Am nächsten Morgen fängt Sussy einen Funkspruch auf, dass ein Jeep von San Pedro de Atacama zur Laguna Colorada unterwegs sei. Gerüchteweise sei die Blockade zunächst beendet, weil eine wie auch immer geartete Übereinkunft getroffen worden sei. Wenn der Jeep durchkommt, können wir es morgen riskieren. Um 18.00 Uhr dann der erlösende Bescheid: Die Piste ist frei und offen, zumindest im Moment. Wir lupfen darauf eine leichte Gemüsesuppe (längst haben wir wieder beide Durchfall, diesmal seit Potosí) und ein Bier - auf jeden Fall, jetzt packen wir's, egal wie!

Start zur Tour de Salar

Pünktlich um zehn steht anderntags unser Auto vor der Tür, ein schon etwas angejahrter, aber robuster Toyota Landcruiser. Das sei das einzige Fahrzeug, das die Pisten der nächsten Tage aushalte, meint der nette Fahrer Leo. Die Fahrräder werden sorgfältig auf dem Dach festgebunden, stehend zwischen den Reservekanistern, den Sandblechen und der Gasflasche für die Köchin Mina, die mit einem Sammelsurium von Schachteln, Töpfen und Kannen bewaffnet ist. Unterwegs gibt es nur noch einige wenige höchst spartanische Unterkuenfte, Selbstversorgerhütten quasi - die Touristen werden dort von den Jeep-Besatzungen bekocht und sogar der Diesel für den Stromgenerator ist selbst mitzubringen.

Dann herzlicher Abschied von Sussy und Chris, die noch lange hinter uns herwinken. Das war hier wirklich ein prima Hotel gewesen, eine echte Heimat und Oase in der (Salz-)Wüste. Wir holen noch kurz unseren bolivianischen Ausreisestempel bei der Migración, auf drei Tage vordatiert, denn an der Grenze, in the middle of nowhere, wie Chris sich ausdrückt, gibt es nur eine kleine Hütte mit zwei bewaffneten Soldaten, die mittels Knarre und Funkgerät eine eventuelle chilenische Invasion verhindern sollen. Hätte man denen statt ihrer Artillerie einen Stempel und ein paar Zollerklärungsformulare in die Hand gedrückt, wären sie sinnvoller beschäftigt. Aber das ist halt Südamerika, und ganz speziell Bolivien. Dann lenkt Leo den alten Landcruiser Richtung Colchani, auf genau der üblen Waschbrettpiste, über die wir kürzlich mit Gustavo im Klappertaxi hier angekommen sind.

Salzkunstwerke

Das ganze Dorf Colchani lebt praktisch vom Salz. Dieses wird mit Hacken und Schaufeln auf dem Salar draußen abgebaut. Durch Erhitzung in stinkenden Öfen verdunstet das überschüssige Wasser, dann wird das Salz in altertümlichen Mühlen gemahlen und dabei jodisiert. Eine Knochenarbeit ist das, dabei kostet ein Kilo-Säckchen Salz gerade 5 Bolivianos, ca. einen halben Euro.

Dann führt die Piste mitten in das Salz hinaus. Sieht fast aus wie Schnee, soweit das Auge reicht. Der Toyota rollt darauf beinahe wie auf Asphalt. Wir fragen Leo, wie er denn hier navigiert - anhand der umliegenden Berge, antwortet der. Dort, wo die Tourjeeps immer fahren, finden sich schon richtige Spuren, sonst ist die Oberfläche in zahllose Polygone mit aufgeworfenen Rändern unterteilt. An diesen Rändern drückt das Wasser, das wärmer als die Salzfläche ist, nach oben, wie wir erfahren. Wir sehen auch die Ojos del Salar, die Augen des Salzsees, praktisch Löcher im Salz, wo Wasser von unterirdischen Flüssen austritt - drumrum ist die Salzdecke dünn und nicht tragfähig, da kann man mit dem Auto ohne weiteres einbrechen. Überhaupt ist das nicht ganz so einfach mit der Navigation auf dem Salar, wie Leo das darstellt. Er hat die jahrelange Erfahrung, aber ohne GPS oder wenigstens einen Kompass sollten Laien das lieber bleiben lassen. Erst im vergangenen Jahr sollen zwei amerikanische Privatfahrer, die sich in einem der Ojos festgefahren hatten, nachts bei -20 Grad in ihrem Auto erfroren sein.

Auf dem Salzsee

Gegen Mittag laufen wir dann bei der Isla Incahuasi ein. Unglaublich, diese Insel mitten im weißen Nichts! Mit ihren vielen bis zu 1200 Jahren alten Riesenkakteen ist sie einfach bezaubernd schön, über 80 Kilometer vom Ufer entfernt. Auf einem Trail wandern wir zur etwa 100 Meter über Seeniveau gelegenen Spitze des Berges - rundum weiß, ungeheuer beeindruckend! Das Ufer des Sees ist an keiner Stelle sichtbar, es wird von der Erdkrümmung verschluckt, nur ein paar hohe Berggipfel sind blau-dunstig am Horizont zu erahnen. Es gibt sogar eine kleine Unterkunft und eine Kneipe. Hier hätten wir auch gerne übernachtet, das müssen wir schon sagen! Wenn die Sonne über dem Salzmeer untergeht und die Salzpolygone in orange-violettes Licht taucht, muss das einfach fantastisch aussehen, und dann der Sternenhimmel über der weißen Riesenfläche.... Aber unser Plan sieht anderes vor, man kann nicht alles haben (alte bolivianische Weisheit). Dafür kriegen wir am Abend in der kleinen Lodge in Bellavista zu zweit ein ganzes Neunbettzimmer. Der Tourismus läuft nach den Blockaden noch nicht wieder auf vollen Touren - aber uns soll's recht sein.

Isla Incahuasi

Weiter geht es, noch eineinhalb Tage lang, über wirklich oberüble Treibsand-Schotter-Wellblechpisten durch Landschaften von bizarrer Schönheit. In kleinen Lagunen stehen Massen rosaroter Flamingos, der Vulkan Ollagüe weist mit seiner Rauchfahne den Weg. Die Gesteinsformation Arbol de Piedra könnte jedem Bild von Dali entsprungen sein, und die Laguna Colorada ist doch tatsächlich so rot wie Campbell's Tomato Soup. Kupferhaltiger Schlamm und Mikroorganismen sind für dieses Naturwunder verantwortlich, und das Ufer säumen weiße Borax-Ausblühungen, als sollten sie zur Tomatencreme die Sahne bilden. Dann das Geyserfeld Sol de Manana, um ein Vielfaches beeindruckender als Yellowstone, auf 4900 Metern Höhe - hier kann man sich gleichzeitig die Füße versengen und die Ohren abfrieren. Und am dritten Tag dieser Tour, morgens um zehn, endlich: Die Grenze.

Wir atmen hörbar auf. Uff, keine Blockade - und das Ende von Bolivien in Sicht! Leo lässt den Landcruiser vor der bolivianischen Militärbaracke ausrollen. Von drüben grüßt ein sauberes Schild: "Bienvenidos a Chile - San Pedro de Atacama 47 kms". Mina zaubert nochmal schnell auf der Motorhaube ein gutes Frühstück, dann werden die Räder vom Dach gehievt. Sie sind total eingestaubt, haben sich aber gottseidank trotz Rüttelpiste nichts gebrochen. Schnell, die Ortlieb-Taschen eingehängt, dann nix wie weg hier! Mina und Leo erhalten jeweils einen Kugelschreiber von der Volkshochschule Esslingen und bleiben mit strahlenden Gesichtern zurück. Waren nett, die beiden, trotzdem: Adios, Bolivia - wir weinen dir keine Träne nach! Noch nie im Leben haben wir ein Land so gern verlassen.

Adios, Bolivia!

Sechs Kilometer Piste stehen noch an bis zur asphaltierten Ruta Nacional 27, die vom Paso Jama herunter kommt und nach San Pedro führt. Sechs Kilometer Waschbrett und Tiefsand nochmal, zwei ganze Stunden brauchen wir dafür, meist schiebend, oft sinken die Laufräder bis über die Felgen ein. Mann, können wir froh sein, dass wir nicht von Uyuni bis hierher radeln mussten! Kein Wunder, dass wir außer einem einheimischen Bauern auf der ganzen Strecke keinen einzigen Radler getroffen haben. Und als wir uns endlich auf dem guten chilenischen Asphalt in den Sattel schwingen, da ist das ein Gefühl wie Weihnachten und Neujahr gleichzeitig. Volle Segel stürzen wir uns in die gut 40 Kilometer lange Abfahrt, endlich raus aus der unwirtlichen Höhe, 2000 Meter Downhill bis in die grüne Oase San Pedro, direkt vor die saubere Migración.

Zack, der Stempel ist im Pass! Damit sind wir offiziell in Chile eingereist. Ein freundlicher Grenzer gibt uns das Dokument zurück und wünscht einen angenehmen Aufenthalt in seinem Land. Und jetzt machen Schröders erst einmal in San Pedro de Atacama ein paar Tage echten Urlaub. Wie im Paradies ist es hier, wir flanieren unter grünen Bäumen, es gibt Straßencafés und Internet, die Fahrräder sind auf Vordermann zu bringen und zwei Magen-Darm-Systeme müssen saniert werden. Hasta la Vista!

San Pedro de Atacama

 

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