www.bikeamerica.de - Reisebericht über unsere Panamericana-Tour 5

Méxicos koloniales Herz

Von Mazatlán nach México City
Weihnachten 2003, Mazatlán, zum Zweiten – jetzt aber das mexikanische Kernland per Rad! Doch die Feiertage wollen wir noch hier verbringen, gemütlich und unter Palmen, dann soll es auf der Mex 40 hinein in die Sierra Madre gehen. Wir wohnen im Hotel "Siesta", einem preiswerten, aber sehr niveauvollem Haus mit wunderschönem Innenhof (haushohe Gummibäume!), Balkon mit Blick auf Meer und traumhafte Sonnenuntergänge und mit einem absolut genialen Restaurant. Das ist hier genau der richtige Platz, um ein paar Tage durchzuhängen – und das müssen wir auch; Sybille hat fast 39 C Fieber. Partielle Bettruhe ist angesagt, und während das Antibiotikum langsam zu wirken beginnt, unternehme ich in Downtown Mazatlán die ersten Festlandsméxico-Radelversuche.

Hotel La Siesta

Eines wird mir schnell klar: Das ist hier eine andere Welt als drüben auf der Baja! Von einem Radlerparadies zu sprechen wäre hier jedenfalls fehl am Platz. Obwohl Mazatlán so übel nicht ist und seine ganz netten Ecken hat, so gibt es doch auch Viertel, die tendenziell an die Slums von Tijuana erinnern. México ist einfach ein Land mit einem Steinzeitkapitalismus und entsprechend niedrigem Lebensstandard für die unteren Schichten, und selbst ein Job im Hafen, in der Pacifico-Brauerei oder im Tourismus mit den Norteamericanos ist noch lange kein Garant dafür, dass jeder in den vielköpfigen Familien täglich seine warme Mahlzeit hat. Und was hier alles als Auto bezeichnet wird! Sämtliche Fahrgeräte vom Laster bis zum Kleinwagen sind wirklich im Einsatz, bis sich kein Rad mehr dreht; unser Taxi in López Mateos war da fast ein Neuwagen dagegen

Was für ein Auto war das mal? Hält nochmal 20 Jahre!

Wir raten allen deutschen TÜV-Ingenieuren dringend von einem México-Urlaub ab, wollen Sie nicht am Herzinfarkt krepieren oder nach Nervenzusammenbruch aus dem Fenster springen! Dazu ist der Verkehr schnell, laut und heftig. Man ist als Radler echt versucht, in der Trikottasche einen Zettel mitzuführen so etwa mit der Aufschrift: "Ich heiße Thomas Schröder und möchte, falls ich platt gemacht werde, vom Asphalt gekratzt und bei meiner Gattin im Hotel Siesta durch den Türschlitz geschoben werden".

Der mexikanische Straßenverkehr ist bei allen Panamericana-Bikern gefürchtet. So mancher ist da bei seinem Big Trip schon in den Bus gestiegen, und selbst Tilmann Waldthaler, nach zwei Weltumrundungen sicher einiges gewöhnt, bezeichnet im Fahrrad-Weltführer einzig México (neben Indonesien) als absolutes Pfui-Land für Radler. Doch eines wird mir bald klar: Selbst hier folgt der Verkehr bestimmten Gesetzen – wenn man das chaotische System einmal durchblickt hat, wird man bald feststellen, dass die mexikanischen Verkehrsteilnehmer doch aufeinander aufpassen, und sei es nur, um nicht ihr arg malträtiertes Blech noch weiterem kostenintensiven Stress auszusetzen. Sorglos sind sie vielleicht manchmal, die Mexikaner, auch unvorsichtig, eventuell besoffen, aber durchaus nicht aggressiv. Wenn man selbstbewusst seine Fahrspur in Besitz nimmt und sich nicht an den Rand drängen lässt, wird man auch als Radler akzeptiert. Klar, achtsam sein muss man immer, auch ist der Rückspiegel ein absolut lebenswichtiges Utensil, aber bald hat der hiesige Straßenverkehr seinen Schrecken für mich verloren und beginnt sogar fast Spaß zu machen. Andere Radler winken freundlich – sie scheinen sich zu freuen, dass auch ein Pedal-Gringo sich mit ins Chaos mischt anstatt im Cadillac aufzutreten. Und an Kreuzungen, später oft auch an Ortseinfahrten oder vor schmalen Brücken, verhindern so genannte Topes, bis zu 10 cm hohe Betonschwellen, wirkungsvoll übermäßige Hektik im Verkehr.

Tope

Sybilles Fieber lässt langsam nach, aber mit Radeln ist es noch nix. Wir mieten deshalb einen kleinen Hyundai, um mal die Mex 40 hinsichtlich Accomodations und Nachschubmöglichkeiten abzuklopfen. Gut 300 Kilometer sind es bis Durango, dazwischen soll es viele Berge und nur wenige gottverlassene Käffer geben.

Tatsächlich schraubt sich die Mex 40 ab Villa Union bald kräftig in eine spektakuläre Bergwelt hinein. Fantastische Gebirge mit sehr abwechslungsreichen Felsformationen ziehen am Fenster vorbei. Die Straße ist fast wie eine Achterbahn, kurvig, mit ständigem Auf und Ab, hin und wieder passieren wir einen Vista Point, wo man über unendliche Reihen blauer Bergketten blicken kann. Schließlich kommen wir auf rund 2000 Metern Höhe in eine waldbestandene Hochebene, die aussieht, als habe sie kaum noch jemals eines Gringos Fuß treten. La Ciudad ist der einzige etwas größere Ort, mit einem bärbeißigen Hotel, das aus jedem Italo-Western entsprungen sein könnte – dann kehren wir um, es ist auch schon nach 15 Uhr, die Strecke zieht sich.

Auf dem Rückweg herrscht viel Verkehr, darunter etliche Riesenlaster, die in den Kurven immer die ganze Fahrbahn brauchen. Wir fahren recht vorsichtig, unser Mietwagen ist auch schon recht klapperig, und unsere Nachfolger produzieren teils waghalsige Überholmanöver. Dann, ein kurzes gerades Gefällestück vor einer Kurve: Ein Jeep (Alamo Car Rental) schießt vorbei, bremst, die Reifen qualmen, er kriegt die Kurve nicht und hüpft wie ein Gummiball über das Bankett in den Abgrund. Man sieht nur noch ein paar Baumwipfel rauschen, wir steigen mit schlotternden Knien aus, drunten am Steilhang ist nichts mehr zu sehen. Ein paar Mexikaner halten auch, rufen hinunter, von dort kommen Rufe zurück, und sie machen sich an den Abstieg. Wir fahren weiter, immer noch ganz zittrig und noch vorsichtiger. Ob wir auf dieser Straße radeln wollen, das müssen wir uns echt noch genau überlegen! Erst in finsterer Nacht kommen wir nach Mazatlán zurück. Weder die Fettuccini Alfredo mit Shrimps im Hotelrestaurant noch das gute Pacifico-Bierlein wollen heute so recht schmecken. Frohe Weihnachten!

Zwei Tage später packen wir’s, aber von der Straße nach Durango haben wir trotz aller landschaftlichen Highlights die Nase voll. Guadalajara ist jetzt die Devise, gut 600 Kilometer auf der Mex 15. Diese jedoch gilt aufgrund vieler rasender Trucks unter Bikern als gefährlichste Straße Méxicos, weshalb wir beschließen, die ersten 300 Kilometer bis Tépic (schlecht ausgebaut, ohne Seitenstreifen) mit dem Bus zu überbrücken. Und so stehen wir frühmorgens um acht am Busterminal in Mazatlán, kaufen zwei schöne Boletos für den Expressbus, der allerdings erst um 11.00 Uhr gehen soll. Aber das ist immer noch besser als mañana, und wer in México nicht warten kann, der sollte besser daheim bleiben.

Mazatlán / Central Camionera

Pünktlich kommt dann der Bus (Norte de Sonora). Wir müssen die Vorderräder ausbauen und den Lenker quer stellen, dann verschwinden Fahrräder und Packtaschen in der Kofferklappe des Busses unter einer unglaublichen Menge an Koffern, Kisten, Säcken und Kartons. Wir schauen besser nicht genau hin und nehmen unsere Plätze ein, die wenigstens ganz bequem sind.

Bald geht es los. Der Bus ist schon ein etwas älteres Modell, zieht keine Wurst vom Teller, dafür zieht die Klimaanlage tierisch. Wir mummeln uns ein wie für eine Polarexpedition und kriechen nur zur Aufnahme der Mittags-Tortillas kurz aus dem Faserpelz. Dann pennen wir ein bisschen, betrachten die Landschaft, fünf Stunden Fahrt, recht ereignislos.

Bei der Ankunft in Tépic werden unsere Fahrräder unter den Gepäckmassen hervorgeschält. Wieder einmal zeigt sich, dass wir doch recht gute Qualität gekauft haben. Zwar ist ein Taschenhaken gebrochen und mein Schutzblech verbogen, aber bei der Behandlung durch das Buspersonal kann man da noch fast froh sein. In einer stillen Ecke des Busterminals (das ist natürlich relativ) bauen wir schnell alles wieder zusammen. In der Hektik stürzt noch meine Brille ab und verliert ein Glas, und deshalb ist das erste, was wir von Tépic kennen lernen, die Vielfalt seiner Optiker/-innen. Die erste schraubt das Glas wieder korrekt hinein, dabei wird aber das zweite locker. Die nächste passt das zweite Glas wieder korrekt ein, zieht aber die Schraube nicht richtig an. Der dritte dann arbeitet fehlerfrei und wünscht uns zudem noch einen angenehmen Aufenthalt in Tépic, der Hauptstadt des Bundesstaats Nayarit. Na, da kann fast nichts mehr schief gehen.

Am Zócalo finden wir gleich ein nettes Hotel – sauber, gemütlich, freundlich, kostet nur 22 US$, dafür müssen wir die Räder in den zweiten Stock tragen. Dann bummeln wir gemütlich durch die Läden und über den quirligen Markt und kaufen eine Menge Lebensmittel für morgen. Wir haben uns nämlich sagen lassen, in México dürfte man als Radler auf die Cuota, die gebührenpflichtige Autobahn, das wollen wir mal probieren, und an Futter gibt es dort sicher so gut wie nix. Deshalb essen wir im guten Hotelrestaurant noch ein bisschen auf Vorrat, Quésadillos, Lamm-Burritos, dazu sechs Bierlein. Dann legen wir uns hin und versuchen zu schlafen, aber drunten auf der Plaza sind sie wieder am Cruisen und der Verkehrspolizist pfeift die halbe Nacht wie ein Beo (trillerpfiffkiwittrööt) was die Nachtruhe in Grenzen hält. Vielleicht ist’s auch ein wenig die Aufregung und er Respekt vor 1000 México-Kernland- Radel-Kilometern, aber die Etappe hat jetzt unzweifelhaft und bislang gar nicht so schlecht begonnen.

Dank freundlicher Hilfe des Hotelportiers finden wir am anderen Morgen gleich die richtige Straße aus Tépic hinaus, einer Stadt, die immerhin gut 300.000 Einwohner und uns ganz gut gefallen hat. Es ist einfach eine alte Erfahrung, dass meistens die Städte am nettesten sind, die im Reiseführer gar nicht groß erwähnt werden, das kennen wir von früheren Reisen zur Genüge.

Auch Sybille kommt erfreulicherweise mit dem lebhaften mexikanischen Stadtverkehr ganz gut zurecht. Bald erreichen wir die Schnellstraße und biegen ab in Richtung Guadalajara- Cuota. An der Einfahrt hängt ein Radler-Verbotsschild, doch wir werden freundlich bei der Zahlstelle durchgewinkt, und tatsächlich sind eine ganze Menge Radler auf der Autobahn, vom gefederten Mountainbike bis zum Citybike (Radler in weißem Hemd und mit Sombrero) und zum Bauer mit Uralt-Hollandrad und Holzkiste auf dem Gepäckträger. Sind einfach klasse, die Mexikaner, weil sie halt so menschlich sind. Verbotsschild? Wen juckt’s! Dass Radler auf der Libre nichts zu lachen haben, das weiß man schließlich, und da ist man nicht kleinlich.

auf der Cuota

Auf dem schönen Seitenstreifen der Cuota rollen wir entspannt dahin. Einmal kommt sogar eine Tankstelle mit Kiosk, wo wir ein Bierlein trinken und eine Packung Chips verdrücken. Allerdings wird die Gegend bald recht gebirgig, und Sybille hat heute nichts zu lachen, denn ganz fit ist sie noch nicht. Trotzdem kommen wir unter Einbeziehung diverser Pausen ganz gut vorwärts, und die schöne Landschaft des Bundesstaats Nayarit mit vielen Agavenfeldern (Tequila-Rohstoff!) und tollen Vulkanformationen entschädigt für die Mühe. Vielleicht hätten wir aber nicht so viel Sightseeing machen sollen, denn bald habe ich den ersten Platten dieser Etappe (Drahtstück steckt im Hinterreifen).

Gegen 16.00 Uhr rollen wir, so platt wie vorhin mein Reifen, in Ixtlán del Rio ein, unserem heutigen Tagesziel. Ist wieder eine nette Provinzstadt, gleich finden wir ein gutes Hotel für 23 $. Schön geduscht, Lebensmittel gekauft, nett über den Zócalo geschlendert, Pizza und Bier. Im Laden werden wir gleich gefragt, ob wir die beiden Ciclistas seien (hat sich schnell herumgesprochen), der Polizist hält heftig pfeifend extra den Verkehr an, damit wir über die Straße können, und im Bierladen werde ich zu meinem guten Spanisch beglückwünscht, weil ich fehlerfrei drei Bierdosen bestellt habe. Die Weihnachtsbeleuchtung blitzt fetzig, die Kids spielen auf der Straße bis spät in die Nacht und über allem wabert der Duft aus unzähligen Taco-Ständen. Mexikanische Kleinstadtatmosphäre, das hat schon was! Wir schlafen tief und traumlos.

Am nächsten Morgen nehmen wir wieder die Cuota, und gleich geht es wieder kräftig auf und ab. Méxicos Topographie gleicht einem zerknüllten Handtuch, und obwohl wir nur die Randausläufer der Sierra Madre überqueren, brauchen wir alle Gänge bis zum Granny Gear und jede Menge Wasser. Aber die Landschaft ist toll; Western-Kakteen stehen einträchtig neben Laubbäumen in unwegsamem Bergland mit Vulkanformationen und Basaltsäulen, dazwischen Agavenfelder, die in ihrem sanften Blaugrün einfach ein zauberhaftes Bild abgeben; ab und zu schaut eine weiß gekalkte Hacienda heraus.

vor Ixtlán del Rio

Bis Mittag haben wir gerade mal 30 Kilometer zurückgelegt. Dann kommt eine Autobahn- Zahlstelle und davor, genau zum richtigen Zeitpunkt jetzt, ein Parkplatz mit Kiosk und Laden. Das passt mal wieder, wie lassen uns unter einem schattigen Baum zum Lunch nieder und können sogar unsere Vorräte auffrischen. Nett ist es hier, wie immer, wenn wir irgendwo Pause machen, viele Mexikaner kommen her und wollen wissen, wohin die Reise geht, wünschen "Suerte" und "Que les vaya buen", und einer war sogar vor 20 Jahren in Deutschland (Berlin Este et Oueste, Bonn, Hannover). Interessante Leute trifft man hier, z.B. Jerzy, ein Pole, der zwei Jahre lang mit einem Wanderzirkus in Mittel- und Südamerika unterwegs ist. Er kann kein Wort Deutsch oder Englisch, dafür ein Paar Brocken Spanisch (Yo soy Polack!), und seine mexikanische Freundin hat er auch dabei.

Dann weiter, wir schwingen uns in den Sattel, bringen unsere Iron Horses auf Trab und rollen auf die Zahlstelle zu, doch – o weh! Davor steht ein Polizist, und auch der Kassierer kommt aufgeregt aus seinem Häuschen gestürzt. Shit! Jetzt sind wir fällig, denke ich – doch die Herren bitten uns nur freundlich, doch möglichst unsere Fahrräder hinter dem Haus herum zu schieben, denn sonst zählt die Kontaktschwelle ein Auto und die Abrechnung stimmt nicht. Si, claro, amigos, aber gerne doch! Uns fällt ein ordentlicher Stein vom Herz, und somit vom Ballast befreit gehen wir zügig den nächsten Anstieg an.

Unser Ziel ist heute das Städtchen Tequila, das aber etwas ab von der Autobahn liegt und keine eigene Ausfahrt hat. Sollen wir uns tatsächlich unter den Schwerverkehr auf der Libre mischen? Die meisten Trucker meiden nämlich die Autobahn, weil ihnen die Gebühr zu teuer ist. Zwecks Entscheidungsfindung fragen wir mal in Magdalena, einem Dorf gleich neben der Cuota, bei zwei freundlichen Polizisten nach, die gerade bei einem Falschparker die Nummernschilder abschrauben. Die empfehlen uns tatsächlich die Libre, die auf den nächsten Kilometern neu trassiert und verbreitert sei. Na gut, probieren wir’s.

Agaven und Kakteen bei Tequilla

Tatsächlich rollen wir auf der Libre bald recht kommod dahin, sie hat fast durchgehend einen Seitenstreifen, und bis Tequila geht es fast nur bergab. Die Landschaft ist wie seither wunderschön, überall stehen die blauen Agaven in Reih’ und Glied. Eine kanadische Reiseradlerin holt uns zwischenzeitlich ein, die bis Feuerland fahren will und erst im September in Alaska gestartet ist (alle Achtung!).

Gegen 16.00 Uhr dann sind wir in Tequila, home of the world famous Agavenschnaps. Wir quartieren uns für nur 17 $ ein im Hotel Posada del Agave. Das ist mal wieder ein echtes Schmuckstück, modern, gebaut um einen Innenhof und überall gekachelt, wobei die Kacheln mit Agaven bemalt sind. Schnell buchen wir noch für 17.00 Uhr eine Tour hinaus zu einer der zahlreichen Tequila-Haciendas. Und während wir auf den Tourbus warten, schauen wir zu, wie sie in der Kirche Erstkommunion, Jugendweihe oder sowas ähnliches haben. Auf jeden Fall stolzieren eine Menge ca. 15-jährige Mädels in Brautkleid-artigen Gewändern herum, dazu Jungs in weißen Anzügen und eine Menge stolze Verwandtschaft. Auch eine Menge Reiter sind in der Stadt, tolles México-Ambiente.

Posada del Agave Tequila Laden in Tequila

Tequila, obwohl klein und angenehm verschlafen, zieht doch einiges an Tourismus an. Es gibt sogar einen Zug von Guadalajara hierher, den Tequila-Express (übrigens der letzte Personenzug in ganz México neben Chihuahua - Los Mochis), 60 Bucks all inclusive für die Norteamericanos, mit Destillerie-Besichtigung und all you can drink. Doch die Tages- Schluckspechte sind gottseidank schon weg, als wir mit einer kleinen, bunt zusammengewürfelten Gruppe von Touristen im Kleinbus unsere Hacienda-Destillerie-Tour antreten. Seit dem 17. Jahrhundert wird das berühmteste mexikanische Getränk hier in der Region gebrannt, der Name geht jedoch auf die Ticuila-Indianer zurück, die Méxicos Nationalschnaps erfunden haben sollen. Man zeigt uns die weitläufigen Agavenplantagen, dann erfahren wir in einem hochinteressanten Vortrag alles über die Herstellung des Feuerwassers von der Ernte der ananasartigen Strünke über das Verkochen und die Fermentierung der Maische bis zum dritten Brand. Verkosten darf man auch (Salz auf den Handrücken, ablecken, Schnaps hinunterstürzen – zisch – dann zur Minderung der Schärfe eine Limone auszutzeln). Harte Sache, was tut man nicht alles zum Kennenlernen fremder Kulturen, aber ein weiches Bierlein ist uns wesentlich lieber. Und mit einem ebensolchen und einer Portion Quésadillos lassen wir den Tag angenehm in einer der zahlreichen Kneipen um die Plaza Central ausklingen.

Am nächsten Morgen wollen wir eigentlich bald wieder auf die Cuota, aber es kommt einfach keine Zufahrt mehr. So müssen wir halt auf der Libre bleiben und uns mit den Trucks und Bussen arrangieren. Statt dem ständigen Auf und Ab der letzten Tage macht uns heute heftiger Gegenwind zu schaffen, und als die Straße endlich vierspurig (und gleich entsprechend verkehrsreich) wird, gleicht der Seitenstreifen einer Kreuzung aus Sturzacker und Schotterpiste. Wir müssen möglichst auf der Straße fahren, damit es nicht alles verbiegt, und dabei ständig in die Rückspiegel linsen. Und immer, wenn wir von hinten zwei Trucks nebeneinander herankommen sehen, hüpfen wir vom Asphalt aufs Bankett. Das nervt, und logischerweise haben wir so nicht den besten Schnitt.

Sonderangebot für Autofahrer

Kurz vor Mittag sehen wir linker Hand ein kleines Restaurant liegen. Wir sind froh, dem Straßendreck und -lärm ein bisschen entfliehen zu können und lassen uns im hübschen Innenhof nieder. Die Señora ist sehr nett, tischt uns ein gutes, gulaschartiges Fleischgericht mit Frijoles auf und Tortillas (all you can eat), auch ein schönes Tecate gibt’s dazu, und hin- terher ein Küchlein, weil die Señora gestern Geburtstag hatte. Leider reicht unser Spanisch nicht für eine gehobene Konversation, aber wir fühlen uns sehr wohl und willkommen hier. Der Señor kommt noch hinzu (er betreibt nebenan die kleine Reifenwerkstatt) und kriegt auch sein Mittagessen, danach zeigt er uns noch stolz sein altes Auto, das er dem Schrott entrissen und wieder aufgepäppelt hat. Er meint, es sei ein deutsches Fabrikat, deshalb sei es auch so stabil (sämtliche Hersteller-Zeichen sind längst abgefault). Ich kann ihm aber erklären, dass es sich hier um einen wenigstens 50 Jahre alten Hillman handelt, aus Inglaterra. Der Señor ist beeindruckt, das muss er sich natürlich gleich aufschreiben. Jetzt ist ihm auch klar, warum er nach dem Kauf das Lenkrad von der rechten auf die linke Seite umbauen musste. Und dann werden wir mit den besten Wünschen wieder auf die Straße entlassen.

Tja, mexikanischer Radler-Autobahn-Kleinstadt-Alltag! Drei wunderschöne Tage waren das, praktisch stellvertretend für ein ganzes Land, ungeschnitten aus unserem Reisetagebuch übernommen – wir könnten ein paar hundert Seiten damit füllen. Längst ist das Gefühl tiefer Zufriedenheit wieder da, das wir schon von der Baja kennen und mit dem wir noch 20 Jahre weiterradeln könnten. Auch in der Großstadt Guadalajara finden wir uns gut zurecht. Wir legen einen Silvester-Ruhetag ein, waschen unsere Wäsche und schauen uns auf der Plaza das gigantische Feuerwerk an. Am Neujahrsmorgen dann weiter, Autobahn, sanft wellig heute nur, eigentlich ereignislos – aber ein Kleinstadt Stimmungsbild muss einfach noch sein, denn am Abend erreichen wir unseren absoluten Favoriten-Ort in Nordméxico: Tepatitlán.

Der stramme Gegenwind, der uns jetzt schon ein paar Tage begleitet, hat uns völlig ausge- dörrt. Als wir die Autopista an der Ausfahrt Tepatitlán verlassen (nur 80 km nach Guadalajara), haben wir keinen Tropfen Wasser mehr. Ein freundlicher Autobahnpolizist hält neben uns, wünscht uns ein gutes neues Jahr und erklärt uns den Weg ins Centro. Zuerst stoppen wir aber mal an einem kleinen Abarrotes und werfen einen größeren Posten Orangen, Schokoladenkekse und vor allem Wasser ein, dann weiter zur Plaza Central, wo wir im Hotel Palacio für nur 16 US$ eines der besten Zimmer unserer gesamten Radtour beziehen.

Tepatitlán, immerhin gut 60.000 Einwohner, steht mal wieder in keinem einzigen Reiseführer. Das ganze Städtchen ist picobello sauber, die Menschen machen einen gesetzt wohlhabenden Eindruck, haben schöne moderne Häuser und fahren gute Autos. Wir sind bestimmt die einzigen ausländischen Touristen hier. Vom Balkon einer kleinen Kneipe, wo wir ein Bierlein und einen Kaffee trinken, schauen wir nett auf die Plaza hinunter, der Weihnachtsbaum ist sponsored by Coca Cola, dann kaufen wir ein paar Vorräte, essen im Restaurant neben dem Hotel hervorragend zu Abend und lassen den Tag auf dem Plätzlein ausklingen, wo eine angenehm-familiäre Atmosphäre herrscht und die Platzkapelle stundenlang ohne Ermüdungserscheinungen fetzig-schräge Weisen zum Besten gibt.

Tepatitlán Tepatitlán bei Jesús

Am nächsten Tag treten wir gegen 8.30 Uhr aus dem Hotel auf die Plaza, wo ein tolles Morgenlicht die Kirchtürme und das Edificio Municipal in Szene setzt. Wir machen ein paar Fotos, schwingen uns in den Sattel und treten in die Pedale, aber nur circa einen Kilometer, dann bremst neben uns ein schöner, neuer, weißer Honda, die Scheibe senkt sich elektrisch und der Fahrer meint, wir müssen jetzt unbedingt mit ihm nach Hause kommen; er sei schließlich auch ein Radfahrer und lade uns zum zweiten Frühstück ein. Und ein Radfahrer ist er wirklich, nämlich ein ganz schön erfolgreicher: Das ist José de Jesús Tostado Hernandez, Mountainbike-Meister des Bundesstaats Jalisco und vor ein paar Jahren sogar mexikanischer Meister! Jesús besitzt ein Wahnsinns-Haus gleich um die Ecke, von außen ganz unscheinbar, man sieht praktisch nur ein Garagentor und eine Eingangstür, aber innen ist alles vom Feinsten, wir kommen durch zwei wunderschön bepflanzte Innenhöfe; fantastisch schöne Steinböden und schwere Möbel sorgen fürs Ambiente. Jesús will alles über unsere Radtour wissen, er ruft auch gleich seinen älteren Bruder an, der 45 Jahre in California gelebt hat und dolmetschen muss, wenn unser Spanisch nicht ausreicht. Wir kriegen einen guten Kaffee, Kekse und die schönsten Früchte, dann zeigt Jesús uns seine ganzen Pokale und eine Menge Bilder mit persönlichen Widmungen berühmter Rennfahrer, unter anderem Greg LeMond, Alessandro Petacchi, Gilberto Simoni und Victor Hugo Peña. Auch seine Frau kriegen wir vorgestellt und die Oma, die es garnicht fassen können, dass zwei Alemañes von Mazatlán nach México Ciudad radeln. Schade, dass er uns nicht gestern Abend getroffen habe, meint Jesús, dann hätten wir bei ihm übernachtet können, er hätte sich sehr gefreut. Nach einer Stunde müssen wir uns regelrecht losreißen, schließlich haben wir noch einen langen Weg vor uns. Schön war es hier, ein Haufen Fotos wird noch gemacht, alle wünschen uns noch viel Glück für unsere Tour. Tja, solche Momente sind einfach die Sahnehäubchen jeder Fernradtour, und unser ohnehin schon positives México-Bild kriegt noch eins draufgesetzt – bislang sind wir hier wirklich nur zum Besten behandelt worden und haben noch keinen einzigen unfreundlichen Mexikaner getroffen. Und von Tepa nehmen wir, wie von vielen anderen mexikanischen Städtchen auch, mal wieder nur die allerbesten Erinnerungen mit.

Natürlich lenken wir unsere Bikes auch in Richtung der echten Sehenswürdigkeiten. Wenn man schon durch Méxicos koloniales Herzland radelt, muss man natürlich auch einige der prächtigen Kolonialstädte aufsuchen, spanische Gründungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert allesamt und nicht selten unter dem Prädikat "UNESCO-Weltkulturerbe" stehend. Ein solches Juwel und für uns die schönste von allen ist Guanajuato, das einmal als Méxicos reichste Silberstadt galt.

<Guanajuato

Über die Mex 110 arbeiten wir uns hinein in die schweißtreibende Sierra de Guanajuato, einen Ausläufer der Sierra Madre wieder, dem unsere Zielstadt ihren Namen verdankt. Warum bloß können Edelmetallvorkommen nie im Flachland liegen? Aber den Bergen verdankt Guanajuato auch seine einzigartige topographische Lage, die nicht unwesentlich zum Reiz dieser Stadt beiträgt. Guanajuato wurde eingezwängt im Bett eines ausgetrockneten Flusses angelegt und zieht sich entlang der steilen Flanken einer verwinkelten Schlucht in die Berge hinein. Die Straßen sind total wirr und zerklüftet; ohne unseren am Ortseingang erstandenen Stadtplan hätten wir den Zócalo nie gefunden! Das Ganze wird erschwert durch zahlreiche Tunnelstraßen, die die ganze Gegend wie einen Schweizer Käse durchlöchern und für Radler absolut ungeeignet sind. Wahrscheinlich beruhen sie auf einem Netz früherer Bergwerksstollen. Erst nach etlichen Interviews der örtlichen Bevölkerung finden wir die Avenida Juárez und die Plaza de la Paz. Nahebei checken wir ein im schönen Hotel Hosteria del Frayle, einem tollen alten Haus mit Innenhöfen und schweren Holzdecken, nicht ganz billig, aber das Ambiente und die zentrale Lage reißen es heraus. Da sind wir wenigstens am Puls der Stadt, für die wir uns einen Ruhetag vorgenommen haben. Wir bringen die Klamotten in die Wäscherei um die Ecke, essen eine Portion Pasta im Hotelrestaurant und lassen den Abend bei einem Corona-Bierlein im Straßencafé am Jardin de la Union ausklingen (ist schon bestechend, Anfang Januar in 2000 Metern Höhe und abends zum Zehn).

Den nächsten Tag beginnen wir standesgemäß mit einem guten Frühstück (Huevos Rancheros, Pan y Mermelada und Jugo de Naranja) auf der Plaza de la Paz. Dann schlendern wir stundenlang durch die steilen, verwinkelten Straßen (eine nennt sich "Kussgässchen", weil man über die Straße vom Balkon zu Balkon knutschen kann) vorbei am interessant aussehenden, zinnenbewehrten Universitätsgebäude und besichtigen die goldstrotzende Barockkirche mit ihrer berühmten juwelenbesetzten Madonna.

Universidad

Rundum stehen die imposanten Stadtpaläste der früheren Silberbarone. Der prächtigste gehörte dem Conde del Rul y Valenciana, dessen Mine allein gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Viertel alles mexikanischen Silbers lieferte. Den Mörtel für seine Villa hätte der Conde del Rul ohne Weiteres mit Blut anrühren können, denn der Mann hat Tausende von Indios und Mestizen auf dem Gewissen. Alexander von Humboldt, der die Mine La Valenciana im Jahr 1803 besichtigte, berichtete von Arbeitern, die mehrfach täglich mit 200 Pfund Erz auf dem Rücken 1800 Stufen hochsteigen mussten oder bei der Amalgamation der Erze an den Quecksilberdämpfen zugrunde gingen. Älter als dreißig Jahre wurde damals kaum einer, und die Bevölkerung musste bläulich graues Wasser trinken, das seine Farbe den bei der Erzausschwemung verwendeten Chemikalien verdankte. Mahlzeit! Und der Fluch des Silbers lag auch später noch lange Jahre in anderer Weise auf México: Der Geldadel ließ das Land ausbluten und verhinderte eine frühe Industrialisierung. Mit diesem Rückstand hat das Land heute noch zu kämpfen...

Templo San Diego Tunnelstraße Plaza de San Fernando

Die berühmteste Sehenswürdigkeit Guanajuatos ist aber wohl das Museo de las Momias, das Mumienmuseum neben dem Friedhofshügel. Als die Stadtväter Ende des 19. Jahrhunderts den Friedhof umlegen und alte Gräber ausräumen ließen entdeckte man, dass die Leichen nicht verwest, sondern durch die trockene, mineralhaltige Erde regelrecht konserviert waren. Bekanntlich hat man in México ja ohnehin ein locker-makabres Verhältnis zum Gevatter Tod, und so wurden die Mumien für medizinische und touristische Zwecke im Museum ausgestellt. Ganz schön gruselich, die Amigos in den Schaukästen, eingefallen, verdorrt, aber praktisch komplett erhalten, mit Haaren, Zähnen und zum Teil noch mit Kittel und Schuhen. Da gibt es Greise, Kleinkinder, Männer und Frauen, Schussopfer, Gehenkte und Wasserleichen, und vor dem Museum verkaufen Sie Totenköpfe aus Zuckerguss und Marzipan. Wie gut, dass wir schon gegessen haben!

Las Momias

Trotz schuftigen Silberbaronen und Leichen-Sammelsurium bleibt uns Guanajuato in Erinnerung als schönste der alten Städte – locker, Universitätsstadt, die mexikanische Ausgabe von Tübingen ungefähr. Da könnte man leben! Und an einem Balkon hängt ein Schild: "Verkaufe mein Haus in Irapuato". Das ist die hässliche Industriestadt gut 50 Kilometer südöstlich. Es sieht so aus als hinge das Schild schon recht lange hier...

Dolores Hidalgo, San Miguel de Allende und Querétaro sind unsere nächsten Desinationen, jeweils eine Tagesetappe, teilweise mit knackigem Landschaftsprofil. Schöne Kolonialstädte sind das allesamt, aber Guanajuato kann keine das Wasser reichen. Querétaro ist von allen diesen Städten wohl diejenige, die am saubersten und aufwendigsten restauriert ist, mit belebtem Zentrum und etlichen Fußgängerzonen, gesponsort durch die vielen Industriebetriebe der Region. Allerdings haben wir auch noch nie so viele Bettler aller Altersstufen gesehen; das will nicht so recht zum schönen Bild passen, das die Stadt sich zu geben versucht. Vor dem Heimweg ins Hotel sitzen wie noch eine Weile vor einer der Szenekneipen und trinken ein Bier, dabei schauen wir der Hautevolee beim Flanieren zu und werden etwa alle zwei Minuten angebaggert. Geschenkartikel und tolle Klamotten gibt es an jeder Ecke, einen Fruchtstand aufzutreiben ist hingegen nicht einfach und erfordert eine längere Wanderung. Je näher man an México City herankommt, desto stärker tritt einem ins Bewusstsein, dass es in México doch recht krasse soziale Unterschiede gibt. Emiliano Zapata und Pancho Villa, Rädelsführer der mexikanischen Revolution von 1910-17, würden sicher auch heute noch eine große Gefolgschaft finden.

Auf Emiliano Zapata berufen sich heute noch (unter Leitung des legendären Subcomandante Marcos) die Zapatistas, die revolutionären Truppen in Chiapas im Süden Méxicos. Ihr Ziel ist es, den verarmten Bauern und vor allem den Indigeñas, den Nachkommen der indianischen Urbevölkerung, zu ihrem Recht zu verhelfen. Im Norden Méxicos hingegen könnte man manchmal glauben, dass niemals irgendwelche Indianer ihre Zeugnisse hier hinterlassen haben, abgesehen von den vielen Mestizen mit indianischen Gesichtszügen vielleicht. So dauert es für uns auch bis ca. 80 Kilometer vor México City, bis wir das erste indianische Kulturerbe von Rang besichtigen können: Tula mit seinen berühmten Atlanten.

Tula

Die Atlanten sind vier 4,60 m hohe menschliche Statuen, die (mit vier weiteren Stützpfeilern zusammen) vor über 1000 Jahren das Dach eines Toltekentempels trugen. Mit strengem, fast ausdruckslosen Blick stehen sie in korrekter Haltung auf der Spitze einer zehn Meter hohen Pyramide in beherrschender Rundum-Aussichtslage. Es ist ein wunderschöner Platz dort draußen auf einer kakteenbestandenen Hochfläche – ganz andere México-Eindrücke als die bislang erlebten dämmern herauf und lassen ein gutes Maß an Vorfreude auf Südméxico aufkommen, speziell auf Yucatán. Doch für heute belassen wir es bei einer Stippvisite in Sachen Indianerkultur; der Moloch México City lockt und liegt uns auch ein bisschen im Magen, zwecks Latrinenparolen bezüglich apokalyptischer Verkehrsprobleme und so. Wir nehmen deshalb in Tepeji del Rio, 70 Kilometer vor der Hauptstadt, ein gutes Hotelzimmer und bereiten uns seelisch und moralisch auf die anstehende Königsetappe vor.

Nach frösteliger Hochland-Nacht unter drei Decken gehen wir es am nächsten Morgen an. Wir stehen um 7.00 Uhr auf, frühstücken schlotternd im Faserpelz (ob es in México auch Hotelzimmer mit Heizung gibt?), doch nachdem das Schwitzwasser von den Scheiben gewischt ist wird blauer Himmel sichtbar; das hebt die Stimmung. Die Hotelchefin und das gesamte Personal verabschieden uns als müssten wir an die Front, dann treten wir todesmutig in die Pedale und radeln aus Tepeji hinaus.

Bald sind wir wie gewohnt auf der Autobahn, es läuft gut, der Verkehr hält sich zunächst in Grenzen. Doch je näher wir an México City kommen, desto mehr ist los auf der Autopista. Wir stärken uns mit einer Orange und einem Küchlein bei einer Pemex-Tankstelle, dann weiter. Kurz darauf verschwindet der Seitenstreifen, das erhärtet die Sache, aber ab Tepotzotlán gibt es dafür eine richtige Frontage Road, die dann ganz komfortabel ist. Bald verzweigen sich die Autobahnen gewaltig, doch dank unserer guten México City Map von Berndtson finden wir immer die richtige. Manchmal müssen wir drei Fahrspuren überqueren, geht schon ein bisschen in Richtung Extremradeln hier.

México City / auf der Ringautobahn

In Tlanepantla (Valle dorado) essen wir zu Mittag vor dem Gigante-Supermarkt, mal wieder echte Brötchen mit Leberpastete. Dazu werfen wir alle Hygiene-Vorschriften über Bord und erwerben Tomaten und Zwiebeln – schmeckt fantastisch, dazu Chips und drei Modelo-Light- Bierlein. Und nach letzteren sind wir bald wieder gut auf der Rolle, es flutscht jetzt richtig gut, wir überholen Microbusse (die uns manchmal an den Rand drängen wollen und immer, wenn sie einen potentiellen Passagier sehen, bremsen, als hätten sie einen Anker ausgeworfen), schlängeln uns durch Verkehrsstaus, achten dabei auf fehlende Schachtdeckel, fetzen durch Unterführungen und biegen bald zügig, den Kopf unter dem Lenker und mit surrender Kette, links in den breiten Paseo de la Reforma ein, México Citys Prachtstraße ins Centro. Tja, Radeln in dieser Stadt, das sind schon die höheren Weihen jedes Citybikers, macht richtig Spaß jetzt, abgesehen vom Schädelweh zwecks der schlechten Luft.

Paseo de la Reforma

Auf dem Paseo de la Reforma rollen wir längere Zeit entspannt dahin. Wir passieren das Denkmal des letzten Aztekenkönigs Cuauhtemoc, biegen ein in die Avendia Juárez, vorbei am Palacio de Bellas Artes, arbeiten uns durch das Gewühl des Centro historico, und dann stehen wir tatsächlich auf dem Zócalo, dem Ziel unserer Etappe. Fantastisches Gefühl, eines der für Radler härtesten Länder und die verkehrsreichste Stadt der Welt bezwungen zu haben. Natürlich müssen wir einige Fotos machen, mit der Kathedrale hinten und mit der riesigen mexikanischen Fahne im Vordergrund, Ehrensache.

Ha, geschafft! Am Zócalo von México City

Bald jedoch streben wir, nach kurzem Relaxen im Alameda-Park, unserem kleinen Hotel (Texas) an der Plaza de la Républica entgegen. Dort kriegen wir ein ganz ordentliches Zimmer für nur 20.40 $, wo wir uns zunächst unter der Dusche vom Ruß der heutigen Etappe befreien. Unglaublich, aus meinem linken Ohr, wo die Microbusse immer hineingedieselt haben, kommen statt Ohrenschmalz schwarze Bollen.

Abends Spaziergang zur Zona Rosa und die traditionelle Es-ist-geschafft-Pizza. Hinterher noch ein Bierchen in der Fußgängerzone. Gefällt uns bislang gar nicht so schlecht, México City, das sonst in jeder Veröffentlichung als absolut grässlich beschrieben wird. Das deckt sich mit unseren bereits vor Jahren gewonnenen Eindrücken, als wir schon mal Méxicos Hauptstadt und ihrem näheren Umland per Stipvisite unsere Reverenz erwiesen haben. Es kommt halt immer auf die Betrachtungsweise an, und auf die besuchten Stadtviertel, natürlich. Auf jeden Fall schlafen wir heute mal wieder wie die Steine, den Schlaf der Gerechten eben.

Damit ist das México-Radelabenteuer für uns beendet – leider, müssen wir echt sagen, aber die Zeit reicht einfach nicht, und wir haben beschlossen, Südméxico im Mietwagen anzugehen. Den können wir in Mérida zurückgeben, von dort haben wir noch die Möglichkeit zu einem Abstecher nach Tikal in Guatemala, der Maya-Stätte überhaupt. Dann bringt uns ein Flieger nach México City zurück, und die darauffolgende Etappe lassen wir dann in Nicaragua beginnen. Zwei, drei Jahre Zeit für die ganze Panamericana, das wär's – aber leider sind wir immer irgendwo auch Getriebene, und manchmal hilft halt nix als der Griff zum Kompromiss.

im Alameda Park

Dafür haben wir jetzt ein paar Ruhetage und können México City und Umgebung besichtigen. Und das tun wir ausführlich, vom tollen Anthropologischen Museum im Chapultepec-Park (eines der besten Museen der Welt, die Schatztruhe für Méxicos Völker, Kulturen und Kunstgeschichte) bis zum Nationalpalast mit den tollen Wandbildern des Muralisten Diego Rivera. Wir schauen uns die Kathedrale an, die als größte Amerikas gilt, und erleben von einer Dachterrasse am Zócalo aus das tägliche Fahnenzeremoniell. Die Soldaten kommen im Stechschritt aus dem Nationalpalast gestochen, begleitet von Trommelwirbel und Trara, und bergen die riesige México-Flagge, wahrscheinlich, damit sie über Nacht nicht runzelig wird. Sehr interessant hier; wir bleiben sitzen bis es dunkel ist und die Kathedrale und die anderen umliegenden Gebäude wunderschön angestrahlt sind. Und abends fahren wir immer mit der U-Bahn für 14 Cent p/pax (!) in die Zona Rosa zum Abendessen. Einfach gigantisch, die öffentlichen Verkehrsmittel hier, selbst wenn uns eine U-Bahn direkt vor der Nase wegfährt, müssen wir keine zwei Minuten warten, bis die nächste kommt! Da könnten sie sich beim VVS in Stuttgart mal eine Scheibe abschneiden, so hinsichtlich Zugfrequenz und Preisen!

Außerdem wird einem in der mexikanischen U-Bahn unzweifelhaft mehr geboten. Keine Fahrt ohne Bettler, Musikanten und ambulante Händler an Bord, aber einmal ist das Angebot letzterer besonders vielseitig: Einer verkauft CDs, dann gibt es Zahnpasta (1 Tube mit 2 Zahnbürsten für zwei Pesos), ein Kochbuch für die berufstätige Mexikanerin, eine mathematische Formelsammlung inklusive einer Tabelle der chemischen Elemente (braucht der durchschnittliche Mexikaner bestimmt ganz dringend), dann einen Superkleber (bäppt alles von Metall bis Keramik für zehn Pesos) und, das Highlight: echtes Kojotenfett (für Rheuma, eingewachsene Fußnägel, Haarausfall, Menstruationsbeschwerden; gibt auch den Schuhen neuen Glanz und den Rest habe ich vergessen). Echt spannend, so eine mexikanische Metro-Fahrt; fast verpassen wir unsere Station "Revolución", wo wir aussteigen müssen.

Paseo de la Reforma

Abends sitzen wir immer bei Helen’s, einer Snackbar am Paseo de la Reforma, bei Bierchen und Cappuccino und schauen dem interessanten Treiben auf der Straße zu. Längst haben wir an México City Gefallen gefunden. Vielleicht ist das keine Stadt, die man liebt, aber sie ist bunt, interessant und ganz bestimmt nicht apokalyptisch, wenngleich sie ihre unbestreitbaren schlechten Seiten hat, soziale Probleme eben, wie jede Millionenstadt in Schwellen- und Entwicklungsländern. Und das ist jetzt echt der letzte Abgesang auf Latrinenparolen, come in and find out, einmal sehen ist besser als hundertmal hören – das ist die Devise. Ich könnte glatt als Bike Messenger hier arbeiten, vielleicht jedoch nur einmal wöchentlich, wegen der schlechten Luft. Und jetzt freuen wir uns erst recht auf den restlichen Trip!

 

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